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FBW-Bewertung: Oskars Kleid (2022)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Der vielfach ausgezeichnete Regisseur Hüseyin Tabak und Drehbuchautor Florian David Fitz erzählen mit OSKARS KLEID eine Geschichte, die Fragen rund um Transidentität bei Kindern mit den Mitteln populärer Familienunterhaltung adressiert. Im Mittelpunkt steht ein Vater, der sich derart vehement an ein althergebrachtes Weltbild klammert, dass ihm seine Gegenwart komplett zu entgleiten droht. Seine Frau hat ihn verlassen, seine beiden Kinder sieht er nur noch selten, er trinkt und sucht Bestätigung in seinem Beruf als Polizist. Als er plötzlich Verantwortung für seine Kinder übernehmen muss, stellt er fest, dass sich Oskar schon seit einiger Zeit als Mädchen weitaus wohler fühlt und sich fortan Lilli nennt. Für den Vater, von Florian David Fitz selbst gespielt, droht die Welt unterzugehen, und es braucht lange, bis er erkennt, dass sich ihm vielmehr eine neue eröffnet, sobald er seine Haltung verändert.
Dem Film gelingt es sehr gut, seine Kernbotschaft auf unterhaltsame und damit eben breitenwirksame Weise zu setzen. Verkürzt gesagt lautet diese Botschaft: Nicht Lilli und ihre erwachende Transidentität sind das Problem, sondern der Vater, die Erwachsenen, das Umfeld sind es, weil sie sich außer Stande sehen, von gelernten und tradierten Sichtweisen abzulassen. Wenn der Großvater in einer zentralen Szene Lillis Mut, zu ihrer Identität zu stehen, der Feigheit des Vaters inklusive seines konservativen Weltbilds gegenüberstellt, dann blitzt für einen Moment ein ganz grundsätzlicher Wesenszug des allgemeinen aktuellen Generationenkonflikts auf. Und so erklärt sich auch die Wahl der Erzählperspektive. Die Geschichte aus Lillis Sicht zu erfahren, mehr über Inneres zu lernen, wäre vielleicht auch interessant gewesen, entspricht aber nicht dem Ansatz des Films. Wie schon der Titel vermittelt: Es geht nicht um ?Oskar?, sondern um ?Oskars Kleid?. Der äußere Blick, die Reaktionen der Erwachsenen stehen im Vordergrund und ermöglichen dem Film, zusammen mit den dramaturgisch gelungen verrührten Zutaten der klassischen Heldenreise sowie einer dem Genre entsprechenden visuellen Umsetzung, beim breiten Publikum anzudocken.
Viele weitere Themenkomplexe spielen im Fahrwasser der Geschichte eine mal mehr, mal weniger ausgeprägte Rolle (Patchworkfamilie, Alkoholmissbrauch, Toleranz etc.), was den Film streckenweise vielleicht ein wenig überfrachtet wirken lässt. Auch manche Beschreibung des Umfelds erscheint nicht immer stimmig ? so fügt sich die Bagatellisierung des Arbeitsalltags bei der Polizei zum Beispiel nicht wirklich in die Erzählung ein. Dafür wiederum statten die Filmschaffenden gerade einige der Nebenfiguren mit angenehmen Brüchen klassischer Stereotype aus.
Auf schauspielerischer Ebene erweist sich insbesondere die Besetzung von Laurì für die Rolle von Oskar/Lilli als absoluter Glücksgriff. Das Bewusstsein über das persönlich empfundene Selbst und dessen Behaupten und Verkörpern vor einem möglicherweise ablehnenden Außen gelingt Laurì, nicht nur überzeugend, sondern auf wirklich berührende Weise darzustellen. Die Jury wünscht es dem Film sehr, dass die mit u.a. Senta Berger, Marie Burchard und Burghart Klaußner prominente Besetzung der Erwachsenenfiguren dabei helfen kann, dass OSKARS KLEID mit seiner Botschaft möglichst viele Menschen im Kino und darüber hinaus erreichen wird. Gerne zeichnet die Jury den Film mit dem höchsten Prädikat BESONDERS WERTVOLL aus.



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