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Lovecut - Liebe, Sex und Sehnsucht
Lovecut - Liebe, Sex und Sehnsucht
© Meteor Film

Kritik: Lovecut - Liebe, Sex und Sehnsucht (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Regiedebüt von Iliana Estañol und Johanna Lietha gleicht einer Entdeckungsreise in unbekanntes Territorium. In drei Beziehungsgeschichten legen sie das Lebensgefühl von Teenagern frei, die sich an der Schwelle zum Erwachsensein befinden. Sex ist für alle ein wichtiges Thema und offenbar für alle, außer dem Rollstuhlfahrer Alex, auch eine Selbstverständlichkeit. Neue Bekanntschaften werden häufig im Internet geschlossen, die ersten Küsse gibt es beim Blind Date, das Sich-Verlieben ist keine Voraussetzung für intime Begegnungen. Obwohl auch die Sehnsucht nach echten Beziehungen besteht, bleibt sie unerfüllt. Estañol und Lietha erhielten auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis 2020 die Auszeichnung für das beste Drehbuch.

Die sechs jungen Menschen, die in Wien leben, sind auf verschiedene Weise miteinander verbunden. Annas Freund Jakob und Momos Skype-Freund Alex leben in einer WG, Momos Freundin Luka trifft sich mit Ben. Mental scheinen sich die meisten von ihnen irgendwie in einer wenig geerdeten Sphäre zu bewegen, in einem von diffusen Vorstellungen über die eigene, grenzenlose Freiheit erfüllten Raum. Dort sind sie trotz aller körperlicher Begegnungen und Internet-Chats ziemlich allein. Zur Elterngeneration gibt es keine funktionierenden Kontakte. Die Eltern haben, falls es sie im Leben der Kinder überhaupt gibt, keinen Einfluss mehr auf sie und kennen sie kaum noch. Vieles an diesen jungen Menschen verblüfft, vor allem auch ihre Art, mit konsequenter Lust am Feiern und Liebemachen gegen die öde Welt der Erwachsenen zu rebellieren. Ben sagt seinem Bewährungshelfer ins Gesicht, dass er keinen Sinn darin sehe, sich in diese Gesellschaft zu integrieren.

Die sechs Charaktere, die sehr gut gezeichnet sind, ergeben eine interessante Mischung. Alle wirken sie sehr lebendig von ihren filmisch unerfahrenen Darstellern und Darstellerinnen gespielt. Alex verbirgt seine tiefe Unsicherheit hinter einer auffallend nüchternen Art, die auch als Gefühllosigkeit missverstanden werden könnte. Luka irritiert mit ihrer Unberechenbarkeit. Die Kamera findet schöne, der Spontaneität der Charaktere folgende Motive. Einmal legt sich Ben in der Donau auf den Rücken, sein Körper versinkt fast im Wasser und man meint, die sinnliche Fülle dieser Minuten mit ihm zu spüren. Wenn es eine Erfahrung gibt, die die Charaktere in diesem Sommer teilen, dann vielleicht die, dass sich nichts festhalten lässt, was über den Moment hinausgeht.

Fazit: In ihrem Spielfilmdebüt erkunden die Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen Iliana Estañol und Johanna Lietha das Lebensgefühl junger Menschen an der Schwelle zum Erwachsenenalter. In drei verschiedenen Beziehungsgeschichten geht es um den Stellenwert von Sexualität und Social Media und um die Sprachlosigkeit in einer Welt, in der scheinbar alles möglich ist. Am Schauplatz Wien fängt die Kamera sinnliche und vor Lebendigkeit sprühende Momente aus dem Alltag der sechs Charaktere ein, die alle nach etwas zu suchen scheinen, was sich ihnen entzieht.




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