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Kritik: Die Heimreise (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Tim Boehme,1966 in Flensburg geboren, realisierte "Die Heimreise" als Produzent, Regisseur und Kameramann. Ausgebildet wurde er an der Universität von Wisconsin im Studienfach "Broadcast Production". Er lebt heute in der Nähe der Ostseehafen-Stadt Kiel. Weltpremiere feierte "Die Heimreise" beim Dok.fest München 2020 @home.

Bisweilen erinnert Boehmes lebensnahe, mitreißende dokumentarische Arbeit an Buddy-Movies klassischer Machart, in der sich die Protagonisten trotz (oder gerade wegen) ihrer Unterschiedlichkeiten perfekt ergänzen und sich als eingespieltes Team erweisen. So verhält es sich auch im Fall von Bernd und Johann, die die pulsierenden Metropolen Berlin und Hamburg auf der Suche nach Antworten erkunden – eine größere Diskrepanz zum heimischen, gemütlichen Bio-Bauernhof, in dem alle Bewohner in geschütztem Rahmen leben und betreut werden, gibt es nicht. Bernd ist eher der nachdenkliche, vorsichtige und emotionale Typ, der jederzeit genau reflektiert und seine Verhaltensweisen sorgsam überlegt.

Sein – trotz aller Rückschläge und Schwierigkeiten – stets vorhandener Optimismus und seine entwaffnende Ehrlichkeit sind ansteckend und gehen unmittelbar auf den Kinobesucher über. So bekennt er sich auch schon mal ganz freimütig dazu, wenn ihm eine Frau (in diesem Fall der Tour-Guide) auf den Straßen des Hamburger Kult-Kiez St. Pauli besonders gut gefällt. Oder er fragt, ob man das Nutzen des TV-Geräts im Hotelzimmer geschickt aushandeln könne. All diese Momente offenbaren einen klugen, aufgeweckten und findigen Menschen. Ihm zu Seite steht mit dem selbstbewussten Johann ein zu Scherzen und flotten Sprüchen aufgelegter junger Mann, der seinen Freund und Kollegen bei dessen Unterfangen unterstützt.

Dieses Vorhaben, das Auffinden der Familie und die Suche nach Antworten auf all die drängenden Fragen, steht jederzeit im Zentrum der Doku und bildet den roten Faden. Die Suche gestaltet sich wie das Leben selbst: Es gibt Rückschläge und falsche Spuren, Aufs und Abs, Erfolge, Puzzleteile, die sich allmählich zu einem großen Ganzen zusammenfügen sowie im Sande verlaufende Tipps. Für Abwechslung ist gesorgt, da sich Boehme darüber hinaus die Zeit nimmt, die Hauptfiguren in ihren jeweiligen Alltagsleben zu präsentieren. Sowohl auf ihren Erkundungstrips durch die bevölkerten Straßen der Weltstädte Berlin und Hamburg, als auch auf ihrem heimischen Bauernhof. Der Betrachter erhält einen Einblick in das Leben vor Ort, wie Bernd und die anderen Bewohner dort arbeiten, wie ihre Zimmer aussehen und auch bei (mal höchst emotionalen, mal sehr lehrreichen) Gesprächen mit Betreuern ist man dabei.

Fazit: Unalltäglicher, emotional gewichtiger und einfühlsam erzählter Film über eine bewegende Reise in die eigene Vergangenheit.




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