VG-Wort

oder
In Berlin wächst kein Orangenbaum
In Berlin wächst kein Orangenbaum
© 24 Bilder © Port au Prince Pictures GmbH

Kritik: In Berlin wächst kein Orangenbaum (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

"In Berlin wächst kein Orangenbaum" ist der Regie-Erstling von Hauptdarsteller Kida Khodr Ramadan, der auch als Drehbuchautor und Produzent mitwirkte. Seine Weltpremiere feierte der Film im PopUp Autokino München Mitte Juli 2020. Ramadan, gebürtiger Libanese, hat sich seit den mittleren 2000ern zu einem der erfolgreichsten und populärsten Schauspieler im deutschen TV und Film entwickelt. Zu seinen bekanntesten Produktionen zählen "Knallhart", "3 Türken und 1 Baby", "Nur Gott kann mich richten" sowie diverse "Tatort"-Folgen.

Es ist eines der Hauptprobleme von Ramadans im Berliner Kiez und der ostdeutschen Provinz angesiedeltem Genre-Mix, das er zu viel auf einmal sein will: Gangsterfilm, Milieu-Studie, Familien- und Krankheits (Krebs-)Drama sowie Coming-of-Age. Von Beginn an atmet "In Berlin wächst…" den Geist von Filmen, die das ein oder andere Thema von Ramadans Regie-Arbeit schon einmal behandelt haben: So setzt sich sein Werk aus der rebellischen, aufbrausenden Jugendlichen aus "Wer ist Hanna?", der dramatischen "Knockin‘ on heaven’s door"-Krebserkrankungs-Thematik und dem Beziehungsgeflecht eines in die Jahre gekommenen Brummbären und Beschützers zu einer weiblichen Jugendlichen aus Filmen wie "Leon – Der Profi" und "Schutzengel" zusammen.

Auch inhaltlich nimmt sich Ramadan zu viel vor, ohne eine harmonische, ausgewogene Gesamtstimmung generieren zu können. Vieles ist zu vage, bleibt oberflächlich angekratzt und wird am Ende vernachlässigt. Es geht um Krankheit und Tod, Alkoholismus, den Verfall der (ostdeutschen) Provinz, die Migrationsproblematik, individuelle Verantwortungen, die Fehler der Vergangenheit, ein komplexes Vater-Tochter-Verhältnis, Schuld, Sühne und die Wandlung einer Freundschaft in eine Feindschaft (das Verhältnis zwischen Nabil und Ivo). Und das alles in einem Film. All diese Themen bieten Stoff für mindestens fünf eigenständige Produktionen.

Dass "In Berlin wächst…" insgesamt dennoch kein Reinfall geworden ist, liegt zum einen an der herausragenden Chemie der agierenden Darsteller sowie den exquisiten, realistischen schauspielerischen Leistungen. Bis hin zu den Nebendarstellern (in dem prominent besetzten Film u.a. mit dabei: Tom Schilling, Frederick Lau, Stipe Erceg). Zudem verfügt Ramadans Genre-Mischung über einen brillanten, treibenden und die Dramaturgie des Films perfekt untermalenden, druckvollen (Hip-Hop-)Soundtrack, der an den genau passenden Stellen einsetzt.


Fazit: Mit kontrollierter Konzentration gefilmtes, einnehmend gespieltes Kino-Debüt, das inhaltlich jedoch auf zu vielen Hochzeiten tanzt und an manchen Stellen zu fragmentarisch und unausgereift bleibt.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.