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Kritik: Gunda (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Eine Sau mit ihren Ferkeln steht im Mittelpunkt dieses Dokumentarfilms von Victor Kossakovsky ("Aquarela"). Außerdem kommen noch Rinder und Hühner vor. Menschen sind weder zu sehen, noch zu hören, allenfalls zeugen Fahrzeuge von ihrer Gegenwart im Universum dieser Haustiere. Oft nimmt die Kamera einfach nur die offene Stalltür ins Visier, an deren Schwelle Hausschwein Gunda gerne den Kopf hinlegt. Dabei passiert nicht viel mehr, als dass allmählich ein paar Ferkel aus dem Dunkel des Stalls auftauchen und Gunda buchstäblich auf der Nase herumtanzen. Ein andermal regnet es und das Schwein, das prüfend aus der Tür schaut, öffnet sein Maul, um die Tropfen aufzufangen. In Schwarzweiß, ohne Kommentar oder Musik, bewahrheiten die Beobachtungen die Erkenntnis des Regisseurs: "Jeder, der mit Tieren zu tun hat, weiß, dass sie Gefühle und Bewusstsein haben."

Kossakovsky und sein ausführender Produzent Joaquin Phoenix, der sich als Veganer für Tierrechte engagiert, plädieren gegen die Schlachtung von Nutztieren, indem sie die Bilder für sich sprechen lassen. Und diese zeigen sehr beredt, dass Gunda, ihre Ferkel, dieRinder und Hühner sinnliche Wesen sind. Das Mutterschwein und seine Kinder bilden eine Gemeinschaft, in der Nähe auch durch Liebkosungen von Schnauze zu Schnauze praktiziert wird. Eine Schau für sich sind die Hühner, welche offenbar zum ersten Mal auf Gras und im Gebüsch herumstaksen dürfen und sich dabei vorsichtiger anstellen als der erste Mensch auf dem Mond. Wenn sie die Laute, die Beschaffenheit der Natur um sich herum auf sich wirken lassen, meint man, dass sie über das Wunder des Planeten Erde staunen. Manchmal forscht die Kamera in den Gesichtern der Rinder, aber deren Blick verrät nicht, was in ihnen vorgeht. Vielleicht reicht es ihnen, ins Hier und Jetzt an der frischen Luft völlig einzutauchen.

Gundas Familienglück nimmt urplötzlich eine Wendung, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel einschlägt. Dabei zeigt sich erst, wie stark ihre Gefühle sein können, wie beredt ihre grunzenden Kommentare, wie sehr sie zu begreifen versucht. Kossakovsky hat bis dahin mit poetisch schönen Bildern gezeigt, was geschieht, wenn den Bauernhoftieren ihr natürliches Leben nicht verweigert wird. Dass es sonst anders läuft, wie er im Presseheft betont, wird hier dennoch ebenfalls nicht verschwiegen, sondern im Gegenteil, als kolossaler Akt der Versündigung kenntlich gemacht.

Fazit: Dieser ruhige Dokumentarfilm von Victor Kossakovsky demonstriert völlig unangestrengt, dass Nutztiere fühlende Wesen sind. In schlichtem Schwarzweiß, unter Verzicht auf Kommentare und Musik, begleitet er das Hausschwein Gunda in seinem Alltag mit einer Schar lebhafter Ferkel. Die Familie bewegt sich völlig frei zwischen Stall und freiem Wiesengelände mit Waldsaum. In den Beobachtungen teilt sich die sinnliche Freude der Schweine und anderer Tiere am Naturerleben mit, aber obwohl die Kamera Menschen konsequent ausspart, macht sich ihr Wirken auf dramatische Weise bemerkbar.




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