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Was geschah mit Bus 670?
Was geschah mit Bus 670?
© MFA Film

Kritik: Was geschah mit Bus 670? (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Spielfilmdebüt der Regisseurin Fernanda Valadez befasst sich mit dem Versinken Mexikos in mörderischer Kriminalität. In der Form eines Roadmovies erzählt Valadez von der Suche einer Mutter nach ihrem verschwundenen Sohn. Auch nachdem sein Freund und Reisegefährte ermordet aufgefunden wird, glaubt Magdalena weiter, dass der Sohn noch leben könnte. Was sie unterwegs erlebt oder von anderen hört, führt sie immer näher an das Grauen heran, dessen Ausmaß alles übersteigt, was sie sich hätte vorstellen können.

Dieses Drama entwickelt eine atemberaubende Spannung, wenn sich bei einer Straßensperre die Atmosphäre mit tödlicher Gefahr auflädt oder wenn diese dann auch tatsächlich wie eine Lawine auf die Protagonisten zurollt. Realismus verbindet sich mit einer stilistischen Kreativität, die darauf abzielt, die Perspektive der um Orientierung ringenden Charaktere einzunehmen.

Magdalena kommt zu einem Leichenschauhaus, in dem Eltern entstellte, verbrannte Körper identifizieren sollen. Sie erfährt, dass Menschen überall Angst haben, zu sprechen, dass die Polizei nicht ermittelt. Eine Weile folgt der Film dem aus den USA abgeschobenen Migranten Miguel, dem Magdalena begegnen wird. Als Bewaffnete den Laster kontrollieren, der ihn mitgenommen hat, senken alle Insassen stumm den Blick. Weil sein Heimatort zu gefährlich sei, setzt der Fahrer Miguel weit draußen ab.
Die Charaktere huschen durch tödliches Gelände wie Versprengte, die weder weichen, noch Aufmerksamkeit erregen wollen. Aber sie setzen der Übermacht des Bösen kleine Gesten der Mitmenschlichkeit entgegen. In Verbindung mit der bodenständigen Einfachheit Magdalenas nährt der Film so die Hoffnung, dass die Gesellschaft noch nicht verloren ist.

Oft blickt die Kamera spähend in die Landschaft, auf trockene Gräser, auf Disteln, Blätter. Die Gefahr ist nicht sichtbar, nicht zu greifen. Wenn Magdalena mit Menschen spricht, erscheinen sie manchmal nicht im Bild, als wollten sie sich vor ihren eigenen Worten schützen. Miguel sieht ein verschwommenes Meer aus Autolichtern. Die subjektiven Eindrücke verweigern sich klaren Konturen. Erinnerungsfetzen drängen sich Magdalena auf. Und als ihr jemand von der Nacht erzählt, in der der Teufel regierte, erscheint er vor ihren Augen. Das wirkt nicht aufgebauscht, sondern ungeheuer stimmig aus der Perspektive eines Menschen, dessen Glauben an das Gute erschüttert wird.

Fazit: Am Beispiel einer Mutter, die ihren verschwundenen Sohn sucht, schildert die Regisseurin Fernanda Valadez in ihrem Spielfilmdebüt das Versinken Mexikos in mörderischer Kriminalität. Während die filmische Heldin auf einer Reise versucht, Antworten zu bekommen, erlebt sie die bittere Realität eines Landes, in dem Menschen auf offener Straße entführt und getötet werden. Das packende, aufwühlende Drama überzeugt mit seiner Mischung aus Realismus und stilistischer Ausdruckskraft. Es nimmt nicht nur die Ereignisse selbst ins Visier, sondern auch die Versuche der Charaktere, das Unfassbare zu begreifen.




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