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Glitzer & Staub
Glitzer & Staub
© Port au Prince Pictures GmbH

Kritik: Glitzer & Staub (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Rodeo ist bis heute eine Männerdomäne. Ohne explizit darauf hinzuweisen, macht Anna Kochs und Julia Lemkes Dokumentarfilm das unmissverständlich klar. Im Profibereich, wo großes Geld zu verdienen ist, gibt es lediglich eine einzige Kategorie für Frauen. Und die im Film gezeigten Väter, die ihre Töchter in dieser harten Sportart inzwischen unterstützen, hätten sich lieber Söhne gewünscht beziehungsweise ziehen ihre Söhne ihren Töchtern vor. Für die vier jungen Protagonistinnen gilt es, sich in diesem rauen Klima zu behaupten.

Koch und Lemke lernten sich während des Studiums kennen. Bereits "Schultersieg" (2016), ihr gemeinsamer Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb), beschäftigte sich mit Mädchen in einer traditionell eher als männlich konnotierten Sportart, dem Ringen. In "Glitzer & Staub" reisen sie nun in die USA und tauchen ein in "Gegenden, in denen die Zeit scheinbar stehen geblieben ist", wie sie selbst sagen.

In den Weiten der amerikanischen Prärie geben nach wie vor die Männer den Ton an. Sie beaufsichtigen den Grill oder sitzen biertrinkend mit Kumpels am Küchentisch, während die Frauen am Herd stehen. Eine Sportart wie Rodeo ist in diesem engen Kosmos auch immer eine Befreiung, ein mühsam erkämpfter Freiraum hin zu etwas mehr Gleichberechtigung. Durch die Auswahl ihrer Protagonistinnen geben Koch und Lemke zudem einen kleinen Querschnitt verschiedener Gesellschaftsschichten. Denn die im Film vorgestellten Familien sind ganz unterschiedlich situiert. Das Rodeo bietet nicht zuletzt Aufstiegschancen.

Der Film erzählt nicht nur von wagemutigen Mädchen und jungen Frauen, er nimmt auch Rücksicht auf ein junges Publikum. Statt der üblichen Untertitel verwendet das Regieduo eine Voiceover-Übersetzung, die es jüngeren Zusehenden leichter macht, dem Geschehen zu folgen. Das sieht überdies fantastisch aus. Die von Lemke selbst geführte Kamera fängt die Weiten der amerikanischen Landschaften ebenso klar ein wie die Enge mancher Familiensituation. Die Farben am Himmel leuchten und besonders die Nachtaufnahmen sind von bestechender Schönheit.

Fazit: "Glitzer & Staub" gewährt einen Einblick in eine auf den ersten Blick fremde und weit entfernt anmutende Welt. Am Beispiel von vier Cowgirls dokumentieren Anna Koch und Julia Lemke Träume von Erfolg, Aufstieg und Gleichberechtigung. Ganz nebenbei dekonstruieren die Protagonistinnen den Mythos vom harten Cowboy. Ganz einfach dadurch, dass sie tun, was sie tun und das als völlig selbstverständlich erachten.




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