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Kritik: Ein Nasser Hund (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Damir Lukačevićs neuer Film "Ein nasser Hund" basiert auf dem 2010 veröffentlichten autobiografischen Roman "Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude" des 1977 geborenen Arye Sharuz Shalicar. Die in der literarischen Vorlage geschilderte Handlung wurde für die Leinwand-Adaption in die Jetztzeit verlegt – wodurch deutlich wird, dass die Themen der Geschichte absolut nichts an Relevanz verloren haben. Das Jugenddrama, das bei aller Ernsthaftigkeit auch Zeit für Humor, Wärme und Zärtlichkeit findet, erzählt von der Suche nach der eigenen Identität, von inneren und äußeren Kämpfen – und ist obendrein eine eindrückliche Milieustudie.

Lukačević zeigt, wie sich der Protagonist Soheil als Sohn iranisch-jüdischer Eltern in Berlin-Wedding einzugewöhnen versucht. Religion spielt in der Familie kaum eine Rolle; dem Jugendlichen werden viele Freiräume zugestanden. Sowohl die Darstellung des familiären Lebens als auch die Art und Weise, wie die Entstehung von Freundschaften in der Schule, auf dem Sportplatz oder im städtischen Schwimmbad eingefangen wird, sind hier überaus glaubhaft. Das Drehbuch beweist ein sicheres Gespür für die Sprache junger Leute und deren Umgang miteinander. Wenn Soheil als "King Star" zum bewunderten Sprayer avanciert, wenn er sich in die schlagfertige Selma verliebt und wenn er mit seinem Kumpel Husseyn und dessen Gang um die Häuser zieht, gelingen in "Ein nasser Hund" ganz großartige Coming-of-Age-Momente – womöglich gar die besten im deutschen Kino der letzten Jahre. Auch das Sujet Antisemitismus behandelt der Film rundum überzeugend; die Konflikte, mit denen der adoleszente Held konfrontiert wird, werden nachvollziehbar und mit der nötigen Ambivalenz vermittelt.

Zu all diesen Stärken kommt ein extrem bemerkenswerter Cast. Hauptdarsteller Doğuhan Kabadayı ist eine echte Entdeckung: Er spielt die Entwicklung Soheils in all ihren Facetten sehr eindringlich; als übermütiger Straßenkünstler und Rebell ist er ebenso einnehmend wie als schüchtern Liebender und als mutig für seine Überzeugung Kämpfender. Auch Kabadayıs Co-Stars Mohammad Eliraqui und Derya Dilber liefern tolle Leistungen. Von diesen Schauspiel-Talenten will man in Zukunft noch viel mehr sehen!

Fazit: Ein sehr beeindruckender, hervorragend geschriebener und inszenierter Jugendfilm, der seine Figuren ernst nimmt und einen glaubwürdigen Blick auf das Leben junger Menschen im migrantisch geprägten Berliner Stadtteil Wedding wirft. Das Trio Doğuhan Kabadayı, Mohammad Eliraqui und Derya Dilber ist fantastisch!




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