VG-Wort

oder

Kritik: Bruno (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wieso landen Menschen auf der Straße? Oft sind es gravierende Einschnitte in einer Biografie, von denen sich die Betroffenen nicht erholen; der Verlust des Arbeitsplatzes etwa oder der eines geliebten Menschen. Weshalb Daniel (Diarmaid Murtagh) zum Obdachlosen wurde, bleibt lange offen, deutet sich aber schon früh an. Der Regisseur und Drehbuchautor Karl Golden steigt unvermittelt ein und bleibt ganz dicht an seinen Figuren. Und weil er nie zu viel von ihnen verrät, hält er die Spannung bis zum Schluss hoch.

Golden hat bereits diverse Genres beackert. Er hat eine abgedrehte Hochzeitskomödie gedreht ("The Honeymooners", 2003), Oscar Wilde modernisiert ("Belonging to Laura", 2009), einen Roman über Vogelbeobachter verfilmt, der ihm einen Vergleich mit Danny Boyles "Trainspotting" (1996) eingebracht hat ("Pelican Blood", 2010), und sich mit den Anfängen der britische Techno-Szene auseinandergesetzt ("Weekender", 2011). Mit "Bruno" legt er nun ein einfühlsames und sehr gegenwärtiges Drama vor.

Golden, der auch das Drehbuch geschrieben hat, erzählt eine Geschichte von Heimatlosen und Außenseitern, freiwilligen und unfreiwilligen. In London angesiedelt, stechen die Unterschiede zwischen dem reichen Zentrum mit seinen Bankentürmen und den armen Rändern umso mehr ins Auge. Dabei fällt aber auch auf, wie sehr uns der Blick für die Nöte der Randständigen abhandengekommen ist. Daniel bewegt sich so unscheinbar durch diese Welt, dass er beinahe verschwindet. Es ist kein Zufall, dass Daniels einzige soziale Kontakte ein anderer Heimatloser und ein unvoreingenommenes Kind sind. Auch darum geht es Golden in "Bruno", um die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber denen, die aus ihr ausgeschlossen sind, und darum, sein Publikum darauf aufmerksam zu machen, genauer hinzusehen.

So plötzlich wie der Einstieg in diese Geschichte, so offen und unmittelbar sind auch ihr Ende und ihre filmische Vermittlung. Die Kamera ist dicht an den Figuren. Die Schauplätze sind echt. Das führt wiederholt dazu, dass unbeteiligte Passanten direkt in die Kamera blicken. Das stört aber nicht, denn Goldens Drama saugt aus seiner Form eine ungeheure Authentizität und Kraft. Ungemein kraftvoll ist auch das zurückhaltende Spiel des überschaubaren Ensembles. Am Ende braucht es die heilsame Kraft eines unvoreingenommenen Jungen, damit Daniel zurück ins Leben und nach Hause finden kann.

Fazit: Der Internationale Tag der Obdachlosen ist am 10. Oktober. Passend dazu startet in diesem Jahr Karl Goldens Drama "Bruno" in den deutschen Kinos. Darin blickt Golden auf die Ränder unserer Gesellschaft und zeigt einfühlsam und nachdrücklich, dass Obdachlosigkeit jeden treffen kann. "Bruno" ist eine sehr unmittelbar erzählte Geschichte über zwei ungleiche Heimatlose, die gemeinsam wieder nach Hause finden.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.