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Kritik: Rosas Hochzeit (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Die bald 45-jährige Kostümbildnerin Rosa (Candela Peña) steht nie still. Jede Minute zerrt jemand anderes an ihr. Bei der Arbeit, am Telefon, zu Hause. Selbst wenn sie spätabends endlich die Wohnungstür hinter sich zugezogen hat, steht unvermittelt ihr einsamer Vater (Ramón Barea) im Zimmer und faselt davon, bei ihr einziehen zu wollen. Um Rosas Rast- und zunehmende Ratlosigkeit zu veranschaulichen, hätte es keiner weiteren Ebene bedurft. Das Drehbuch aus der Feder von Regisseurin Icíar Bollaín und Co-Autorin Alicia Luna stellt der eigentlichen Handlung aber eine Traumsequenz voran, die den Rest des Films vorwegnimmt. Darin läuft Rosa einen Marathon, an dessen Wegesrand ihre Verwandten sie bedrängen, bis sie diese schließlich abschüttelt und sich freiläuft. Dieser Auftakt wirkt ein wenig deplatziert in einem Film, der ansonsten wie eine gut geölte Lachmaschine funktioniert.

In dieser beschwingten Komödie greift jedes Rädchen ineinander. Jeder Gag sitzt und das Timing ist fabelhaft. Die amüsanten bis kongenialen Drehbucheinfälle und -wendungen sind für das starke Ensemble ein gefundenes Fressen. Die Figuren sind bis in die kleinste Nebenrolle ausgezeichnet geschrieben und besetzt. Es gibt keine einzige schwache Rolle und Darbietung. Als gefrustetes Faktotum, das sich nicht länger ausnutzen lässt, ist Candela Peña ein Ereignis. Sie spielt umwerfend und sich mühelos in die Herzen des Publikums. Aber auch der Rest des Casts zieht die Zusehenden mit einer Mischung aus Verschrobenheit und Bodenständigkeit schnell auf seine Seite.

Auf der großen Leinwand hat man schon lange keine Familie mehr gesehen, die so nervtötend und gleichzeitig so sympathisch ist. Wirklich jedem Familienmitglied möchte man beim Zusehen irgendwann einmal die Meinung geigen. Und trotzdem kann man keinem lange böse sein. Das Geheimnis dieser eigenartigen Konstellation liegt darin begründet, dass die Geschichte stets Maß und Mitte hält. Manche Idee ist abgedreht, die Handlung an sich ist es nicht. Jede Figur hat andere Charakterschwächen, aber keine hat zu viele davon. All das macht diese chaotisch dysfunktionale und positiv bekloppte Familie ungemein glaubwürdig. Aus Maß und Mitte entsteht so nichts Mittelmäßiges, sondern ganz Großartiges.

"Rosas Hochzeit" ist eine Komödie über Kommunikationsprobleme. Sie erzählt von einer Familie, die sich gegenseitig nie ausreden lässt, sich folglich nicht richtig zuhört und auch nicht weiß, wie es dem anderen eigentlich geht. All diesen Schwächen zum Trotz ist diese Familie aber auch ein verschworener Haufen, der zusammenhält und sich wieder zusammenrauft. Und so laut es dabei mitunter zugeht, letztlich sind die leisen Zwischentöne entscheidend. Für die Zeit nach der langen, durch die Corona-Pandemie erzwungenen Kino-Abstinenz ist dieser Film damit genau der richtige Stimmungsaufheller.

Fazit: In ihrem neuen Spielfilm erzählt die Regisseurin Icíar Bollaín von einer Frau, die sich von der eigenen Familie befreit und dadurch erst wieder näher zu den einzelnen Familienmitgliedern findet. Klug geschrieben, perfekt besetzt und ausgezeichnet gespielt, ist Bollaín eine ebenso originelle wie sympathische Komödie über eine laute Familie geglückt, die mit leisen Zwischentönen begeistert.




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