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Kritik: Vor mir der Süden (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In seiner dokumentarischen Reise "Vor mir der Süden" begibt sich der deutsche Filmemacher Pepe Danquart ("Heimspiel", "Am Limit") auf die Spuren von Pier Paolo Pasolini (1922-1975). Der italienische Autor und Regisseur, bekannt für Kino-Werke wie "Accattone – Wer nie sein Brot mit Tränen aß" (1961), "Teorema – Geometrie der Liebe" (1968) und "Die 120 Tage von Sodom" (1975), unternahm Ende der 1950er Jahre eine sommerliche Fahrt in einem Fiat Millecento durch Italien. Danquart arbeitet mit Archivaufnahmen und mit eingesprochenen Tagebucheinträgen Pasolinis, um dessen Erfahrungen und Empfindungen zu vermitteln. Überdies ist er mit seinem kleinen Team um Kameramann Thomas Eirich-Schneider der damaligen Route des multitalentierten Künstlers gefolgt und zeigt das Land und die Leute 60 Jahre später.

Die Zufallsbegegnungen, die "Vor mir der Süden" auf dieser Strecke einfängt, geben Einblick in individuelle Lebensumstände und Arbeitsbedingungen, in persönliche Ansichten und Schicksale, aber auch in die Situation der Natur und der Industrie in den Regionen. Die Szenen, in denen Leute kurze Interview-Statements abgeben, sind in ihrer Vielfalt äußerst faszinierend – etwa die Schilderungen einer Frau, die in Ventimiglia die "Migrantenbar" betreibt, oder die Anekdoten von Menschen, die Pasolini einst persönlich kannten. Auch dessen Ermordung am Strand von Ostia im Jahre 1975 hat den Weg ins kollektive Gedächtnis des Landes gefunden. In Pasolinis Tagebuchnotizen im Reportage-Stil, die via voice-over zu hören sind, wird spürbar, dass der berühmte Dichter und Schriftsteller stets ein präziser Gesellschaftskritiker war, der Entwicklungen teilweise treffend vorhersehen konnte.

Der Film ist eine gelungene Hommage auf Pasolini; eingestreute Super-8-Aufnahmen lassen eine gewisse Nostalgie aufkommen. Dennoch lässt Danquart auch Brüche zu: "Das Meer hat sich als Bild politisiert", merkt der Regisseur im Interview an – und veranschaulicht, dass aus Pasolinis romantisierendem Blick auf das Meer auch der Seeweg von Geflüchteten geworden ist, die nach Europa zu gelangen versuchen. "Vor mir der Süden" erzählt vom Wandel der Zeiten, von diversen Umbrüchen, die mit dem Wirtschaftswachstum und den Anfängen des Massentourismus einhergingen – und bietet dabei starke Bilder zwischen Alltag, Arbeit, Sonnenbad und Überlebenskampf. Zu den visuellen Highlights zählen die Kamerafahrten durch Neapel.

Fazit: Ein sehr lebendiges Roadmovie über die Umrundung der italienischen Küste; eine Huldigung für den unsterblichen Pier Paolo Pasolini, mit interessanten Beobachtungen und tollen Landschaftsaufnahmen.




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