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Making Montgomery Clift
Making Montgomery Clift
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Kritik: Making Montgomery Clift (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Robert Clift, der Neffe des berühmten Schauspielers Montgomery Clift, ist ganz froh, dass Hollywood bis heute keines von mehreren geplanten Biopics über den 1966 verstorbenen Onkel zustande gebracht hat. Er befürchtet, dass sie nur weiter an der Legende eines Stars gestrickt hätten, der sich aufgrund persönlicher Probleme selbst zerstörte. Robert Clift kannte seinen Onkel nicht, denn er kam erst 1974 zur Welt. Aber er weiß, wie sehr sich schon sein Vater Brooks darum bemühte, das Andenken Montgomery Clifts vor Verfälschungen zu bewahren.

Brooks Clift hatte nicht nur zahllose Telefongespräche mit dem Bruder aufgezeichnet, sondern auch ein riesiges Archiv angelegt über alles, was mit seiner Karriere zusammenhing. Weil Clifts Familie unzufrieden mit einer Biografie über den verstorbenen Schauspieler war, unterstützte Brooks die Entstehung einer zweiten Biografie, die Patricia Bosworth verfasste. Doch auch diese fiel nach dem Urteil der Familie tendenziös aus. Robert Clift und Hillary Demmon wollen mit ihrem Dokumentarfilm Montgomery Clift bisherigen Deutungen entziehen, die eher die vermuteten Bedürfnisse einer Leserschaft oder eines Publikums befriedigen wollen, als dem Menschen gerecht zu werden.

So betont im Film Montgomery Clifts ehemaliger guter Freund Jack Larson, dass er ein humorvoller, fröhlicher Mensch war. Auf Tonbandaufnahmen ist auch der Star selbst zu hören, etwa im Gespräch mit seinem Bruder. Private Probleme hatte er demnach kaum, oder sie beschäftigten ihn nicht. Das Bild eines unglücklichen Mannes war wahrscheinlich die Projektion einer homophoben Gesellschaft. Aus Sicht des Neffen hat den Onkel vor allem belastet, dass er nach "Freud" von 1962 vier Jahre lang keinen Film mehr drehen durfte. Das Studio hatte ihn wegen Verzögerung des Drehs verklagt und obwohl Clift den Prozess gewann, war sein Ruf so beschädigt, dass ihn niemand mehr versichern wollte.

Die Fülle des präsentierten Archivmaterials beeindruckt. Allerdings widmet sich der Neffe auch der Geschichte seines Vaters, der sich so sehr mit dem Vermächtnis des Bruders beschäftigte. Diese Passagen sind nur mäßig interessant. Auch gerät die Aufrechnung mit Bosworths Biografie mitunter sehr kleinteilig. Viel Neues weiß der Neffe über den Onkel zwar nicht zu erzählen, aber es gelingt ihm wenigstens, Montgomery Clift einer Fiktionalisierung zu entreißen, die ihn zum Konkurrenten seiner eigenen Filmcharaktere stilisiert.

Fazit: Die Legendenbildung, die bald nach Montgomery Clifts frühem Tod im Jahr 1966 einsetzte, kreist um den Gegensatz von Starruhm und privatem Unglück. Dem Hollywoodschauspieler wurde wegen seiner homosexuellen Neigungen eine innere Zerrissenheit angedichtet. Dieser Dokumentarfilm seines Neffen Robert Clift, der zum 100. Geburtstag des Stars in die deutschen Kinos kommt, korrigiert das öffentliche Bild einer tragischen Figur. Mit reichhaltigem Archivmaterial belegt er recht überzeugend, dass Montgomery Clift als unabhängiger Geist in keine Schublade passte.




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