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Neubau
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© Salzgeber & Co. Medien GmbH

Kritik: Neubau (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Regisseur Johannes Maria Schmit und der Drehbuchautor Tucké Royale bezeichnen die Geschichte des queeren Markus als Heimatfilm. Die beiden vom Theater stammenden Künstler erörtern in ihrem filmischen Debüt, was Heimat für die Hauptfigur bedeutet, was sie vor Ort hält und was sie wegzieht. Auch um die Liebe geht es, aber sie steht thematisch nicht im Vordergrund. Tucké Royale spielt Markus als jungen Transmann, der von einer queeren Gemeinschaft in Berlin träumt, sich aber familiär an die Uckermark gebunden fühlt, solange seine Oma noch lebt. "Neubau" wurde 2020 auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis als Bester Spielfilm ausgezeichnet.

Seit der Kindheit sind Oma Alma und ihre Freundin Sabine die Familie von Markus, der seinen Vater nie kennengelernt hat. Die Mutter starb früh und konnte nie erfahren, dass aus ihrer Tochter ein erwachsener Sohn geworden ist. Wenn Markus die Oma und Sabine besucht, braucht ihn Sabine mehr als Alma, die geistig noch halb da ist, aber immer öfter wegdriftet. Nach und nach gewinnen die Besuche, Begegnungen mehr Tiefe. Eine sehr schöne, zärtliche Passage zeigt, wie Markus und Sabine einen gemeinsamen Nachmittag am Weiher verbringen.

Wenn Markus ziellos herumwandert, mit der Bierflasche in der Hand, sich nach Gesellschaft sehnt und doch nur allein auf der Wiese am Ortsrand steht, wird das persönliche Opfer deutlich, das er hier bringt. Sein neuer Freund Duc, der vietnamesische Wurzeln hat, scheint jedoch im Gegensatz zu ihm in der Provinz seine Vorstellung von Heimat leben zu können. Die Figuren und ihre Geschichten widersetzen sich klischeehafter Eindimensionalität.

Kennzeichnend für die Erzählweise sind Schnitte, die Szenen oft kappen, bevor sich ihr Inhalt einigermaßen entwickeln konnte. Markus wirkt auf dem Sprung, ohne Anker, kommt nirgends an. Auch die Gegend wirkt einem Prozess der Vergänglichkeit ausgesetzt. Der Wohnblock am Ortsrand und die armseligen Häuschen, an denen Markus vorbeijoggt, sehen irgendwie provisorisch aus, verloren in der Landschaft. Viel erhascht man sowieso nicht von dieser Umgebung, außer dem Weiher, in dem Markus gerne badet. Die Schönheit der Natur ist wegen ihrer Einsamkeit eine melancholische. Ob seine neue Partnerschaft allein Markus mit diesem gesichtslosen Ort versöhnen kann, stellt der Film auch mit der spärlichen Art, wie er die Räume erschließt, deutlich infrage.

Fazit: Das Spielfilmdebüt des Regisseurs Johannes Maria Schmit erzählt als queerer Heimatfilm von einem jungen Mann, der einsam in der Provinz aus Liebe zu seiner Großmutter festhängt. Der Drehbuchautor Tucké Royale spielt den Hauptcharakter Markus, der sich nach Gleichgesinnten sehnt und im Laufe des Sommers der Liebe begegnet. Sowohl die Charaktere, als auch die Dramaturgie widersetzen sich klischeehaften Erwartungen. Die Räume und die Landschaft, in denen sich Markus wie ein vergeblich Suchender bewegt, bleiben auf spannende Weise unerschlossen und werfen den Blick zurück auf das Innenleben des Helden.




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