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Wanda, mein Wunder
Wanda, mein Wunder
© X Verleih / Zodiac Pic. Ltd 2020

Kritik: Wanda, mein Wunder (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Wie in Deutschland beschäftigen auch in der Schweiz viele Familien Pflegerinnen aus Osteuropa. Diese Frauen pendeln alle paar Monate zwischen ihren eigenen Familien in der Heimat und den Haushalten ihrer betagten Klienten hin und her. Indem eine Pflegekraft am Familienleben teilnimmt, verändert sich dieses unter Umständen mehr als von allen Seiten geplant und erwartet. Die Schweizer Familie, in der die Titelheldin der vergnüglichen Dramödie von Regisseurin Bettina Oberli ("Die Herbstzeitlosen") arbeitet, blickt sogar bald in einen emotionalen Abgrund.

Das Drehbuch, das Oberli mit Cooky Ziesche verfasste, setzt sich auch mit dem sozialen Gefälle auseinander, das hinter diesem Pflegemodell steht. Es fragt zudem, ob ein Geschäft funktionieren kann, bei dem emotionale gegen materielle Zuwendungen getauscht werden. Trotz der ernsten Themen bleibt der Film auf der heiteren Seite. Dass bei den Wegmeister-Gloors plötzlich eine Kuh im Garten steht, um die sie sich kümmern müssen, ist bei weitem nicht ihre größte Sorge. Denn die vielen Wendungen der Geschichte führen die Eheleute und ihre beiden erwachsenen Kinder von einer Krise in die nächste, bis alle ihre unter den Teppich gekehrten Konflikte aufgedeckt sind.

Für Spaß sorgt vor allem die Dynamik der Beziehungen. Mal ist der alte Josef der Einsame und Isolierte, dann trumpft er als werdender Vater auf und lässt seine Frau um ihre sicher geglaubte Rolle fürchten. Das Tauziehen um die Macht, bei dem auch Tochter Sophie und ihr Mann Manfred (Anatole Taubman) mitmischen, weil sie verhindern wollen, dass Wandas Kind ihr Erbe bedroht, gestaltet sich abwechslungsreich.

Wanda, von Agnieszka Grochowska mit würdevoller Zurückhaltung gespielt, wirkt wie der vernünftigste Mensch in dieser Umgebung. Marthe Keller beeindruckt als Hausherrin, die es gewöhnt ist, eine gewisse innere Leere mit souveränem Lächeln zu kaschieren. Birgit Minichmayr spielt Sophie kraftvoll als frustrierte Erwachsene, die daheim die lauten Auftritte liebt. André Jung schafft es, Josef mit seinen Schwächen und Größenfantasien menschlich sehr glaubhaft wirken zu lassen.

Mit zunehmender Dauer aber fällt auf, dass die Geschichte nur mehr so dahinplätschert. Sie kann sich vor lauter Optionen für keine klare Richtung entscheiden. Zu viele Charaktere mischen mit – auch Wandas Eltern und Kinder tauchen auf –, ohne dass sich dramatische Ansätze vertiefen. Das Ende befriedigt dann weniger inhaltlich, sondern weil es kommt.

Fazit: Der humorvolle Spielfilm der Regisseurin Bettina Oberli erzählt, wie eine polnische Pflegerin das festgefahrene Gefüge einer Schweizer Familie durcheinanderbringt. Als die Frau, die sich um den betagten Hausherrn kümmert, von diesem schwanger wird, liegen die Nerven bei der Dame des Hauses und ihren erwachsenen Kindern blank. Das Tauziehen um die Macht angesichts kaum vereinbarer Interessen sorgt für überraschende Wendungen. Mit zunehmender Dauer verflacht die Geschichte allerdings, weil sie zu viele Ideen integrieren will.




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