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Kritik: A Black Jesus (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Regisseur Luca Lucchesi hat sein Langfilmdebüt seinem Vater und dessen Heimatstadt Siculiana gewidmet. So ist eine Art dokumentarischer Heimatfilm entstanden, der sich aber jeder Verklärung verweigert. Bei aller Sympathie für die bodenständigen Bewohner*innen, ihren Glauben und ihre Traditionen beobachtet Lucchesi auch mit unbestechlichem Blick, wie die afrikanischen Migranten aus dem örtlichen Auffangzentrum auf Vorbehalte, Abwehrreaktionen und Rassismus stoßen. Welten treffen in dieser beschaulichen Kleinstadt aufeinander, sie kontrastieren wie unvereinbar und doch schlagen hier und da Stimmen der Toleranz, Momente des Kennenlernens eine Brücke. Lucchesi hat schon mehrmals mit Wim Wenders zusammengearbeitet, der bei diesem stilvoll in Cinemascope gedrehten Film als Produzent fungiert.

Edward und seine Freunde aus dem Auffanglager sind es gewöhnt, von den Einheimischen gemieden zu werden, negative Blicke oder Bemerkungen zu ernten. Dabei lernen sie gerade eifrig Italienisch mit ihrem engagierten Lehrer, der sich sogar mit seinem Barbier anlegt, wenn es um die Akzeptanz seiner Schützlinge geht. Er sagt, dass sie zur Untätigkeit verdammt sind während des jahrelangen Wartens auf Gerichtsentscheide und Papiere. Auf den Straßen hört man Vorurteile über die Migranten, es gibt die Angst vor Überfremdung. Manche erinnern aber auch daran, dass Sizilien selbst eine lange Geschichte der Migration besitzt. Und dann kommt das Josefsfest, auf dem die heilige Familie mit einem Festmahl für die vergebliche Herbergssuche entschädigt wird.

Die Gegenüberstellung des christlichen Glaubens und des Umgangs mit den Migranten erinnert thematisch an Milo Raus "Das Neue Evangelium". Auch zu Gianfranco Rosis "Seefeuer" gibt es Parallelen, vor allem in der Beobachtung des Alltags Einheimischer. So filmt Lucchesi vier charmante Seniorinnen beim Kochen und Singen. Wenn die Kamera die malerische Küstenstadt auf dem Hügel inspiziert, ihre alten Hausfassaden, Gassen und Treppen, versteht man Edwards Wunsch, sich hier niederzulassen. Die Bemühungen der Afrikaner um Integration bleiben auf Dauer nicht erfolglos im Ort, man grüßt sich, wechselt Worte. Aber die Politik raubt den Neuankömmlingen systematisch die Hoffnung auf Zugehörigkeit. Den bitteren Tönen zum Trotz hallt dieses sorgfältig aufgebaute filmische Plädoyer, Migration doch als gesellschaftliche Chance zu begreifen, noch lange nach.

Fazit: In ruhigen Bildern fängt der genau beobachtende Dokumentarfilm von Luca Lucchesi das Leben in der sizilianischen Kleinstadt Siculiana ein, in der Geflüchtete aus Afrika auf Ablehnung und Vorbehalte stoßen. Es mutet wie ein Widerspruch an, dass die Einheimischen eine große schwarze Jesusfigur verehren, die einmal im Jahr durch den Ort getragen wird. Aus den kontrastierenden Lebenswelten und Meinungen der Alteingesessenen und der Integrationswilligen entsteht scheinbar mühelos ein berührendes filmisches Plädoyer, Einwanderung als Chance zur gesellschaftlichen Erneuerung zu verstehen.




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