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Kabul, City in the Wind
Kabul, City in the Wind
© JIP Film und Verleih

Kritik: Kabul, City in the Wind (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Regisseur des Films, Aboozar Amini, kam als Kind mit seinen Eltern in die Niederlande und studierte dort später Kunst. Einige Jahre darauf, von 2012 bis 2015, folgte ein weiteres Studium an der renommierten London Film School (M.A.). "Kabul, City in the Wind" entstand 2018 und feierte im Mai 2019 Deutschland-Premiere beim Dok.fest in München. Im Laufe seiner jungen Karriere wurde Amini bereits mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht.

Mit "Kabul, City in the Wind" ist Amini, der hier sein Langfilmdebüt vorlegt, ein zutiefst meditativer, stimmungsvoller Film gelungen. Dabei lässt er die Bilder und die trostlose Atmosphäre in der gebeutelten Stadt mittels langer Einstellungen ganz für sich sprechen. Wir sehen Kinder, die in den staubigen Straßen Krieg spielen, gedankenverlorene und pflichtbewusst ihren Alltag bewältigende Bewohner sowie den 45-jährigen, mittellosen Busfahrer Abas, der unter seinen Schulden zu zerbrechen droht. Einzig die Drogen verschaffen ihm Abwechslung und spenden kurzen (schädlichen) Trost.

Abas ist einer von den insgesamt drei Hauptprotagonisten, die im Zentrum des Films stehen – und deren Alltagsleben Amini mit viel Feingefühl und beachtlicher Beobachtungsgabe einfängt. Daneben gibt es noch Benjamin und seinen Bruder, der Teenager Afshin. Dessen Vater offenbart ihm, dass er nun der Mann im Haus sei, er sich um Benjamin kümmern, die Einkäufe erledigen und das Haus in Ordnung halten müsse – denn Afshins Vater ist ein ehemaliger Soldat. Aus Gründen der Sicherheit muss er das Land verlassen und sich von seiner Familie trennen.

Zwischen die kontemplativen Szenen, die von der Stille der Umgebung und der bedrückenden Leere in den sandigen Straßen der Stadt leben, schneidet Amini kurze Interviewpassagen mit seinen Porträtierten. Diese erläutern freimütig und offen, was in ihnen vorgeht und woraus sie Hoffnung schöpfen. Besonders eindringlich gestalten sich die Äußerungen Afshins, der in seinem jugendlichen Alter bereits die Last und Verantwortung eines Erwachsenen auf seinen Schultern trägt.

Fazit: Nachdrückliches, ehrliches Porträt einer vom Krieg traumatisierten Bevölkerung und ihrer Stadt, in der Selbstmordattentate seit 18 Jahren zum alltäglichen Leben gehören.




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