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Kritik: Zustand und Gelände (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die in Berlin lebende und arbeitende Filmemacherin Ute Adamczewski ist neben ihrer Tätigkeit als Regisseurin vor allem als Videokünstlerin bekannt. Sie stellte bereits auf der Pinakothek der Moderne München, auf der Architektur Biennale Venedig sowie der Shanghai Kunst Biennale aus. "Zustand und Gelände" brachte ihr auf einigen Filmfestivals Auszeichnungen ein. Darunter die "Goldene Taube" beim DOK.Leipzig 2019 sowie der "Prix Premier" auf dem internationalen Dokumentarfilmfestival in Marseille im selben Jahr.

Bedrückend und nachhaltig stellt "Zustand und Gelände" aktuelles, gegenwärtiges Bildmaterial historischen Dokumente auf der Tonspur gegenüber. Und erzählt so auf bislang nicht gesehene (und gehörte) Weise gewissermaßen auch den Ausgangspunkt der NS-Massenvernichtungslager nach. Denn diesen bildeten eben jene, damals oft provisorisch eingerichteten Lager und Haftanstalten an Orten und Plätzen, die über Jahre friedlich genutzt wurden und an denen Menschen zum Leben, Arbeiten aber ebenso in ihrer Freizeit zusammenkamen. Oder die schon lange leer und damit "zur Verfügung standen": Kasernen, Fabriken, Vereinsheime, Sporthallen, aber auch Gaststätten und Kneipen.

Wir sehen diese geschichtsträchtigen Stätten in so unterschiedlichen sächsischen Gemeinden, Ortsteilen, Kurorten und Städten wie Chemnitz, Struppen, Dresden, Waldenburg, Franken-berg oder Hochstein. Adamczewski filmt zu unterschiedlichen Zeiten, sowohl bezogen auf die Uhr- als auch die Jahreszeit. Die Bilder vom nebelverhangenen Herbstmorgen oder dem verschneiten Winterabend verleihen dem Werk eine entrückte, poetische Aura. Wenig in oder an den Orten kündet heute noch von deren tragischer Vergangenheit. Daran zu erinnern ist ein Anliegen von "Zustand und Gelände".

Auf der Tonspur bekommen wir Ausschnitte und Zitate aus historischen Schriftstücken und Dokumenten vorgetragen: Erinnerungsberichte ehemaliger Häftlinge, bürokratische Briefwechsel, Tagebuchnotizen. Doch der Film geht noch weiter und verdeutlich durch seine Reise durch die Zeit, welch unterschiedliche Bedeutung den Orten im Laufe Dekaden zukam, was sich dort bis hinein in die Gegenwart zutrug und wie sich vor allem die Erinnerungskultur je nach Ort und Jahrzehnt änderte.

Fazit: Herausfordernde, komplexe aber ebenso feinfühlig umgesetzte, essayistisch anmutende Doku über wenig bekannte Orte der Geschichte, die zum Reflektieren und Hinterfragen auffordert. Akkurat recherchiert und poetisch bebildert.




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