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FBW-Bewertung: Ein bisschen bleiben wir noch (2019)

Prädikat wertvoll

Jurybegründung: Das tschetschenische Geschwisterpaar Oskar (Leopold Pallua) und Lilli (Rosa Zant) lebt mit seiner Mutter (Ines Miro) ohne gesichertes Bleiberecht inÖsterreich. Die Mutter hält dem psychischen Druck, jeden Tag abgeschoben werden zu können, nicht mehr stand und versucht sich umzubringen. Sie wird daraufhin in eine Psychiatrie eingeliefert, während die beiden Kinder bei verschiedenen Pflegefamilien untergebracht werden. Lilli kommt zu einer alleinstehenden Frau, Oskar in eine liberal scheinende Familie mit einem Kleinkind und einer von Parkinson gezeichneten Großmutter. Erzählt wird hauptsächlich aus der Perspektive von Oskar, der sich bald unwohl fühlt in der neuen Familie, die sich auf den zweiten Blick als sehr viel weniger aufgeschlossen erweist als zunächst behauptet. Einzig zur in ihrer Kommunikationskompetenz stark eingeschränkten Großmutter findet Oskar schließlich einen Zugang, während er an der heuchlerischen Pflegemutter und ihren sinnlos scheinenden Geboten immer wieder scheitert. Seine Schwester Lilli macht ähnliche Erfahrungen: hier ist es der Freund der Pflegemutter, der gegen sie Stimmung macht; auch eine neue Schulfreundin ist ihr weniger gut gewogen, als sie naiver Weise annimmt. Die Dinge spitzen sich durch Unglücksverkettung zu, wobei Oskars Überforderung mit seiner Lebenslage eine entscheidende Rolle spielt.

Trotz seines zeitgemäßen und spannenden Themas ist EIN BISSCHEN BLEIBEN WIR NOCH ein eher zäh erzählter und klischeebehafteter Film geworden. Als besonders kritikwürdig fiel der Jury ins Auge, dass sämtliche Erwachsene Stereotype verkörpern, von der alleinstehenden Frau auf Männersuche über die vegetarisch lebende, liberale Ehegattin, die heimlich Wurst isst, bis zur Großmutter, deren Parkinson bedingte Demenz sie nicht daran hindert, mit Oskar eine verschwörerische Komplizenschaft einzugehen. Diesen holzschnittartig angelegten Erwachsenenfiguren gegenüber wirken beide Kinder geradezu unangenehm altklug, was die vielen hölzernen Dialoge noch unterstreichen. Der Aufbau der Konflikte erscheint künstlich und gezwungen, ihre Auflösung in die annähernde Tragödie wenig originell und zwingend. Der Versuch, mit den Mitteln eines magischen Realismus die Phantasie von Heranwachsenden als Zielpublikumanzuregen und zu begeistern, kann ebenfalls nicht überzeugen. Allen Figuren fehlt es entschieden an Nuancen, Dimensionen und Ambivalenzen. Das Ziel des Films, mehr Empathie für Flüchtende zu wecken, kann angesichts dieser Reihung von Stereotypen nur scheitern.



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