oder
Das letzte Land
Das letzte Land
© Drop-Out Cinema eG

Kritik: Das letzte Land (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Deutsche Science-Fiction-Filme sind eher dünn gesät, aber nun präsentiert Marcel Barion einen kraftvollen Genrebeitrag mit philosophischer Färbung. Der Kulturwissenschaftler und Cineast führte bei seinem Debütfilm, der ohne Filmförderung entstand, nicht nur Regie und schrieb das Drehbuch, sondern übernahm auch weitere Aufgaben wie Kamera und Schnitt. Die Geschichte beginnt in einer offenbar dystopischen Ära auf einem Planeten, von dem man außer ein paar dünnen Funksprüchen an den Wachmann Novak, der das gefundene Raumschiff inspiziert, wenig mitbekommt.

Novak nutzt die Chance, gemeinsam mit dem entflohenen Häftling Adem den Planeten zu verlassen. Unterwegs im All stellt sich den beiden Männern jedoch die Frage nach dem Wohin. Es gibt wenig, was ihnen Orientierung vermittelt. Adems innerer Kompass und der von Novak zeigen bald in verschiedene Richtungen. Während Adem nachdenklich wird und sich auffallend für das Logbuch der vorigen Besatzung interessiert, ist Novak der unermüdliche Handwerker und Navigator.

Ein Polaroidfoto, ein vertrocknetes Blatt, eine Zahlenfolge an der Wand sind in Adems Augen Hinweise, die den Kurs weisen könnten. Ohne Wurzeln, ohne Vergangenheit gibt es auch keine Zukunft – so könnte man seine Position beschreiben. Novak ist gegenteiliger Ansicht, er will nicht zurückblicken. Der Film buchstabiert so gut wie nichts aus, wirkt sehr rätselhaft und regt dadurch die Fantasie an. Er lädt zum Philosophieren über die Verlorenheit des Menschen im Universum ein.

Kaum zu glauben, dass der Film ohne computergenerierte Aufnahmen auskommt, sondern trickreich mit realen Abbildungen – sogenannten "Practical Effects" - arbeitet. Zwar spielt sich die Handlung vorwiegend in der Enge des Raumschiffs ab, aber manchmal nimmt es die Kamera von außen ins Visier. Dann fliegt es durchs All wie ein metallenes Knäuel, das einem zerfurchten Steinbrocken ähnelt. Einmal kommt eine auf dem Kopf liegende Raumstation ins Bild, dann wieder fliegende Trümmer, die das Raumschiff beschädigen können. Eine Atmosphäre von Einsamkeit und diffuser Schicksalhaftigkeit breitet sich aus und schlägt die Zuschauer in Bann. Vielleicht gibt es gar keinen besseren Ort als dieses Raumschiff für die beiden Männer, deren Hunger nach Botschaften aus einer belebten Welt sie jederzeit in die Irre leiten kann.

Fazit: Das deutsche Science-Fiction-Drama von Regisseur und Drehbuchautor Marcel Barion bietet ein spannendes Kammerspiel an Bord eines Raumschiffs, das durch das Weltall fliegt. Zwei Männer, die von einem lebensfeindlichen Planeten geflohen sind, ringen um Orientierung, wohin die Reise gehen soll und geraten beim Deuten rätselhafter Botschaften in Konflikt. Mit einem kleinen Budget, aber großem Reichtum an Ideen gedreht, regt der Film die Fantasie und die Lust am Philosophieren an. In der schicksalhaften Atmosphäre klingt die zeitlose Erfahrung des Menschen an, verloren im Universum zu sein.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.