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Port Authority
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© Salzgeber & Co. Medien GmbH

Kritik: Port Authority (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Danielle Lessovitz beginnt ihren Film mit einem Wechselbad der Gefühle. Auf eine große Enttäuschung folgt ein erster Lichtblick. Paul (Fionn Whitehead) ist neu in New York. Doch seine Halbschwester Sara (Louisa Krause) hat ihn versetzt. Am Busbahnhof Port Authority gestrandet, sieht er der schönen Wye (Leyna Bloom) und ihrer Wahlfamilie beim Tanzen zu. Vom ersten Augenblick an ist Paul verzaubert und mit ihm das Kinopublikum, das den 20-Jährigen in den nächsten eineinhalb Stunden durch alle Höhen und Tiefen begleitet.

Der Tanz, der Paul so fasziniert, heißt Vogue oder Voguing. In den 1970ern in der Ballroom-Szene in Harlem entstanden und 1990 von Jennie Livingston in ihrem Dokumentarfilm "Paris Is Burning" festgehalten, wurde Vogue einer breiteren Öffentlichkeit durch das Musikvideo zu Madonnas gleichnamigem Song bekannt. Derzeit erhält der Tanzstil (neben vielen anderen Aspekten der queeren Subkultur) in der Netflix-Serie "Pose" größere Aufmerksamkeit. Vielen im Publikum dürfte er dennoch nichts sagen. Gemeinsam mit dem Protagonisten nehmen sie die Position des interessierten Beobachters ein und behalten diese bei. Denn so tief Paul auch in die ihm fremde Kultur vordringt, anders als Madonna eignet er sie sich nicht an. Eine große Hollywood-Produktion hätte das womöglich anders erzählt und aus dem Underdog Paul einen Aufsteiger der Ballroom-Szene gemacht.

Danielle Lessovitz, die auch das Drehbuch zu ihrem Regiedebüt geschrieben hat, liegt eine solche Erfolgsgeschichte fern. Sie erzählt nüchtern, aber stets mitfühlend von einem Amerika, in dem an den Rand gedrängte Menschen vom Leid anderer Randständiger profitieren. Auch schlachtet sie die queere Subkultur nicht für ihre Schauwerte aus. Lessovitz blickt hinter die glitzernde Fassade, die zerrüttete Familien und prekäre Lebensverhältnisse offenbart, aber auch den Zusammenhalt in selbst gewählten Ersatzfamilien zeigt. Der zweite Blick ist es dann auch, der Paul und Wye einander näherbringt. Hier geben zwei Ausgestoßene einander Halt. All das inszeniert die Regisseurin ganz beiläufig mit einem guten Auge für kleine Intimitäten, ohne jedoch große Bilder zu bedienen. Obwohl "Port Authority" in New York spielt, ist dessen berühmte Skyline nicht einmal im Film zu sehen.

Lessovitz' New York ist nicht das der Reichen oder Intellektuellen, sondern das all jener, die tagtäglich ums Überleben kämpfen. Neurosen kann sich darin keiner leisten. "Port Authority" steht für ein unabhängiges Kino, das auf die Ränder der Gesellschaft blickt. Ein Kino, das mit John Cassavetes seinen Anfang nahm und derzeit dringlicher denn je erscheint – mal bittersüß wie in Andrea Arnolds "American Honey" (2016) oder Eliza Hittmans "Niemals selten manchmal immer" (2020), mal roh und hart wie in den Filmen der Safdie-Brüder, mal mit märchenhaften Zügen wie in Benh Zeitlins "Beasts of the Southern Wild" (2012) oder Sean Bakers "Tangerine L.A." (2015) und "The Florida Project" (2017).

Lessovitz fügt diesem Kino der Ausgestoßenen und von der Gesellschaft Vergessenen einen kleinen und sehr feinen Beitrag hinzu. Ein berührendes Liebesdrama, das zwar nicht um die gewohnte Dramaturgie aus Lügen und deren Aufdeckung herumkommt, dafür aber ausgesprochen unaufgeregt daherkommt. Von Pauls Suchen und Finden der eigenen Sexualität zwischen Faszination für die queere Community und einem Umfeld voll toxischer Männlichkeit erzählt Lessovitz mit einer erfrischenden Selbstverständlichkeit. Toll gecastet und fabelhaft gespielt – allen vorweg Leyna Bloom, die selbst schon obdachlos war – holt dieser Film sein Publikum von der ersten Sekunde an ab und nimmt es bis zur letzten Minute mit.

"Port Authority” feierte bei den Filmfestspielen von Cannes in der Sektion "Un Certain Regard” Premiere. Einen deutschen Kinostart verhindert die Corona-Pandemie. Einen Blick ist dieses Debüt aber allemal wert. Neben dem Griff ins DVD- und Blu-ray-Regal ist das auch via Streaming über den Salzgeber Club möglich.

Fazit: "Port Authority" ist ein berührendes Beziehungsdrama, das statt auf große Bilder auf intime Momente setzt. Toll gecastet, fabelhaft gespielt und zurückhaltend inszeniert, begeistert an Danielle Lessovitz' Regiedebüt besonders die Unaufgeregtheit und Selbstverständlichkeit, mit der sie vom Suchen und Finden der Liebe erzählt.




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