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Kritik: Tagundnachtgleiche (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Was dem deutschen Kino allzu oft abgeht, sind stimmungsvolle Filme. Filme, die ausnahmsweise einmal nicht so aussehen, als hätte jemand einfach nur die Realität mit einer (Digital-)Kamera abgefilmt, sondern die durch Licht, Farben, Kulissen, Musik und nicht zuletzt durch den Mut zu einer eigenen Handschrift einen gewissen Ton setzen. Dieser Mangel fällt einem meist erst dann auf, wenn ein Film aus der Reihe tanzt. Lena Knauss' Langfilmdebüt ist gleich in mehrfacher Hinsicht stimmungsvoll geraten.

Ihr Protagonist Alexander (Thomas Niehaus) bewegt sich durch Sets, die einen nostalgischen Charme verströmen. Von seiner Wohnung, die in einem vormals gewerblich genutzten Altbau über einer Kneipe und seiner Fahrradwerkstatt liegt, bis zu einem Rundfunksender, der sich in einem noch prächtigeren Altbau mit Paternoster befindet, taucht Kamerafrau Katharina Bühler alles in warmes Licht. Auch die Tonspur ist stimmungsvoll, weil die zwei Hauptfiguren eine Liebe zu klassischer Musik teilen. Und dann sind da noch die Tagträume, denen sich Alexander hingibt und die die Handlung in einen Schwebezustand zwischen Realität und Wunschvorstellung verschieben.

Diese poetische Innerlichkeit tut dem deutschen Kino gut, dass sich allzu gern in bedeutungsschwangerer Sozialkritik verrennt und dabei optisch nicht über eine TV-Ästhetik hinauskommt. Bei Knauss knistert es hingegen, wenn sich zwei Figuren nahekommen. Eine Qualität, die im deutschen Kino selten (geworden) ist. So wunderbar dieses Debüt anzuschauen ist, schauspielerisch und erzählerisch ist noch ein wenig Luft nach oben. In erster Linie ist der Film für das Wenige, das er erzählt, zu lang. Das Publikum darf aber gespannt sein, in welche zwischenmenschlichen Empfindungen die Regisseurin es in ihrem nächsten Film entführt.

Fazit: Lena Knauss' Langfilmdebüt ist ein stimmungsvolles und poetisches Beziehungsdrama, das dem deutschen Kino guttut. Wunderschön in Szene gesetzt und mutig erzählt bleibt aber noch ein wenig Luft nach oben.




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