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Immer noch Frau
Immer noch Frau
© Rise and Shine Films GmbH © OVALmedia

Kritik: Immer noch Frau (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Begriff des Unruhestands wirkt wie zugeschnitten auf die fünf Schweizerinnen, welche der Dokumentarfilm von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond ("Schwesterlein") porträtiert. Aber er bekommt hier eine neue Bedeutung. Der dritte Lebensabschnitt ist für diese Frauen eine Zeit des zumeist nicht frei gewählten Umbruchs. Das Alleinsein gehörte nicht zur Lebensplanung, ist nun aber so gekommen. Die Frauen, die im französischen Teil der Schweiz wohnen, durchlaufen eine krisenhafte Phase, in der sie sich mit ihrem Selbstbild und ihren Vorstellungen vom Glück auseinandersetzen. Oft von der Suche nach der Liebe angetrieben, stürzen sie sich in verschiedene Aktivitäten und begegnen dabei einem interessanten Menschen: sich selbst.

Ihre Namen werden nicht extra eingeblendet, wenn die Frauen in Voice-Over erzählen. Die Kamera filmt sie dazu in ihren Wohnungen, beim Tanzen, im Schauspielkreis, auf Wanderungen. Es ist verblüffend, wie sehr sich alle Porträtierten öffnen können, wie differenziert sie ihre Krisen und Selbstzweifel, ihre Sehnsüchte und Enttäuschungen betrachten. Diese große Offenheit betrifft freudige und leidvolle Erfahrungen gleichermaßen. Keine der Frauen ist ein Kind von Traurigkeit oder steht dem eigenen Schicksal resigniert gegenüber.

Mehreren Berichten zufolge ist das Kennenlernen von Männern im gleichen Alter schwierig. Entweder schauen sie einen nicht an, oder wollen nur schnellen Sex, lautet eine Erfahrung. Eine Witwe möchte nach 45 Jahren Ehe nun mit einem neuen Mann zusammen sein, den sie auf einem Datingportal kennengelernt hat. Aber sie hat Angst, sich ihm nackt zu zeigen. Das Glück kommt oft unerwartet: "Ich kenne mich selbst nicht wieder", wird sie später freudig verraten. Eine zweite Witwe schätzt es, auf Männer noch attraktiv zu wirken, aber sie hat moralische Bedenken, ob es eine neue Liebe für sie geben kann.

Eine Frau, die von ihrem Mann verlassen wurde, stellt sich systematisch ihren persönlichen Ängsten und baut sich damit mühsam selbst wieder auf. Sie vollzieht im Laufe des Films eine beeindruckende Entwicklung. Frauen dieser Altersgruppe werden in den Porträts viel von ihrer eigenen Situation und ihrem Selbstverständnis gespiegelt sehen. Und sie werden aus dem Film vermutlich ein Lächeln und ein Gefühl des Stolzes auf sich und ihre Frauengeneration mitnehmen.

Fazit: Das Schweizer Regieduo Stéphanie Chuat und Véronique Reymond lassen in ihrem Dokumentarfilm fünf Frauen im dritten Lebensabschnitt erzählen. Mit beeindruckender, erfrischender Offenheit stellen sie sich ihren eigenen Fragen über die Liebe, zerplatzte Träume und die Möglichkeit neuer Wege. Dass sie Singles sind, ist für die meisten von ihnen keine freie Entscheidung gewesen und das Alleinsein erweist sich als tägliche Herausforderung. Mit ihrer zupackenden Art, ihrer Lebenslust und der Fähigkeit, sich selbst zu hinterfragen, zeigen diese Frauen auf vorbildliche Weise, dass das Älterwerden auch trotz mancher Verluste ungeahnte Chancen bietet.




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