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Aznavour by Charles
Aznavour by Charles
© Der Filmverleih GmbH

Kritik: Aznavour by Charles (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Mit leiser Stimme: Mein Leben – ein Chanson" lautet der deutsche Titel von Charles Aznavours Autobiografie. Er hätte auch für Marc di Domenicos Dokumentarfilm gepasst. Im Original heißt der Film "Le regard de Charles", "Charles' Blick". Und gemeinsam mit dem weltberühmten Chansonnier blickt das Publikum neugierig auf die Welt und unverstellt in dessen Privatleben, das sich voller Liebe und Schmerz tatsächlich wie eines seiner Lieder ausnimmt. Erzählt wird das Ganze vom Schauspieler Romain Duris, der in Aznavours Rolle schlüpft und dessen Gedanken mit leiser Stimme aus dem Off vorträgt.

Di Domenico konzentriert sich ausschließlich auf das ihm übereignete Archivmaterial. Das ist ein Segen. Keine Talking Heads quatschen dazwischen. Der Film ist ganz bei Aznavour und ist ganz Aznavour. Dessen An- und Einsichten sind so simpel wie bewegend. Hier schaut ein Außenseiter aus einfachen Verhältnissen staunend auf die große weite Welt. Kein Wunder, dass er sie anders wahrnimmt. New York etwa sieht er in erster Linie als Schmelztiegel. Eine Stadt voller Einwanderer. Keiner sei von hier und doch sei jede und jeder zugehörig. Die Erfahrung von Ausgrenzung und Neubeginn verbinde. Deshalb schreckte Aznavour zeitlebens auch nie vor großen Namen zurück. Frank Sinatra, Nina Simone, Barbra Streisand – sie alle gehören Minderheiten an. Wenn sie es in den USA schaffen konnten, warum sollte dann nicht auch ein kleiner Franko-Armenier wie er dort erfolgreich sein?

Aznavours Überlegungen über sich und die Welt begeistern durch ihre Klarheit und Poesie. Viele der von Romain Duris aus dem Off vorgetragenen Sätze könnten auch einem Chanson entnommen sein. Marc di Domenico hat sie zu einem wunderschönen Bilderfluss montiert, der so zu einem erhellenden und beglückenden Gedankenstrom wird. Es sind die Gedanken eines kleinen Mannes, der Großes vollbrachte und – nachdem er bereits die ganze Welt gesehen hatte – spät heimkehrte.

Aznavours Privatarchiv offenbart dabei manchen Schatz: etwa prominente Gäste bei seiner dritten Hochzeit in Las Vegas oder Farbaufnahmen des Films "Taxi nach Tobruk" (1961). Während der Film selbst in Schwarz-Weiß gedreht wurde, filmte Aznavour mit seiner eigenen Kamera am Set in Farbe. Zu schön, um wahr zu sein! Und eine von vielen Überraschungen, die "Aznavour by Charles" zu einem Seh- und Hörerlebnis machen.

Fazit: Für den Regisseur Marc di Domenico ist sein Film über Charles Aznavour "eine zusätzliche Emotion, die seine Arbeit vervollständigt". Diese Beschreibung trifft es ganz gut. "Aznavour by Charles" ist ein erhellender und bewegender Einblick in das Leben und die Arbeit des großen Chansonniers. Ein wunderschöner Bilderfluss und kluger Gedankenstrom. Ein Film wie ein Chanson über einen kleinen Mann, der Großes vollbracht hat und dabei bis zuletzt bescheiden geblieben ist.




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