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Kritik: Music (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Das Spielfilmdebüt der Australierin Sia wurde mit Spannung erwartet. Immerhin hat die Sängerin, die mit dem von David Guetta komponierten Song "Titanium" einen Welthit landete und für ihre ausgefallenen Frisuren bekannt ist, bereits bei mehreren Musikvideos Regie geführt und ihr Talent für kunterbunte Bildkompositionen bewiesen. Dass ihr Debüt in Deutschland nun nur digital und drei Wochen später auf DVD und Blu-ray erscheinen wird, hat möglicherweise nicht nur mit dem pandemiebedingten Lockdown zu tun. Auch die Kritik an der Besetzung der Hauptrolle und die ersten verhaltenen bis schlechten Pressereaktionen könnten dazu beigetragen haben. Die Jury der Golden Globe Awards hat das derweil nicht abgeschreckt. Bei der 78. Ausgabe der bekannten Film- und Fernsehpreise, die am 28. Februar 2021 verliehen werden, erhielt "Music" zwei Nominierungen.

Sias Debüt ist so bonbonfarben und quietschfidel wie das Plakat zum Film. Der Titel ist Programm. Ihre Hauptfigur trägt nicht nur den ausgefallenen Namen Music, sondern flüchtet sich auch in ihre von Musik durchzogene Vorstellungskraft. Die übrigen Charaktere tun es ihr gleich. Der Film kehrt deren Innerstes in Gesangs- und Tanzeinlagen nach außen, macht das aber ein wenig anders als von klassischen Musicals gewohnt. Die perfekt choreografierten Nummern spiegeln ausschließlich die Emotionen der Figuren und sind kein Teil der Handlung, sondern unterbrechen diese. Dadurch wirken sie bis zuletzt wie ein Fremdkörper. Der Film zerfällt in zwei Teile, die durch die Montage zwar elegant miteinander verschränkt sind, aber nie richtig zusammenwachsen.

So ungewöhnlich die eingestreuten Choreografien sind, so gewöhnlich ist die Spielhandlung. Das Drehbuch, von Sia gemeinsam mit dem Kinderbuchautor Dallas Clayton verfasst, badet in Klischees. Dass dabei trotzdem berührende Momente gelingen, ist dem Ensemble zu verdanken. Kate Hudson, die sich für ihre Rolle als Musics ältere Schwester Zu die Haare abrasierte, wagt einen für ihre bisherige Laufbahn mutigen und beachtenswerten Schritt. Leslie Odom Jr. spielt einfühlsam und auch die vorab so vielgescholtene Maddie Ziegler macht ihre Sache gut.

Die Kritik an der hochveranlagten Tänzerin, die schon als kleines Mädchen in Sias Musikvideos auftrat, entzündete sich daran, dass hier ein Mensch ohne Einschränkungen einen mit Autismus spiele. So angebracht oder unangebracht eine solche Kritik auch sein mag, an Zieglers Darbietung krankt dieser Film nicht, an ihrer Rolle indes sehr wohl. Denn wie schon so viele vor ihnen tappen auch Sia und Clayton mit ihrem Drehbuch in die Falle, ihre Hauptfigur lediglich als Katalysator für die Figuren um sie herum zu (be-)nutzen. Nachdem Hudsons Zu die Szenerie betritt, verschiebt sich der Fokus mehr und mehr auf sie. Für die leider viel zu rudimentär geschriebene Music interessiert sich der Film nur noch, um Zieglers tolle Tanzeinlagen zeigen zu können.

Das ist schade, denn dieses mit Hector Elizondo, Juliette Lewis, Ben Schwartz, Tig Notaro und Henry Rollins bis in die Neben- und Gastrollen ausgezeichnet besetzte Musical-Drama hatte durchaus Potenzial für mehr. Letzten Endes fehlt ihm die richtige Balance. Der Wechsel zwischen dynamisch gefilmtem Sozialdrama und ruhig fotografierten Tanzeinlagen ist ebenso wenig stimmig wie die Anzahl der Einlagen und der gehetzte und zusammengeraffte dritte Akt.

Fazit: Das Spielfilmdebüt der australischen Sängerin Sia ist ein kunterbuntes und quietschfideles Musical-Drama mit viel Potenzial, das sich allerdings nicht zu einem gelungenen Ganzen fügen will. Klischiert geschrieben und in der Hauptrolle umstritten besetzt, mangelt es "Music" an der nötigen Balance. Das namhafte Ensemble spielt gut, kann die Schwächen von Drehbuch und Inszenierung aber nicht auffangen. "Music" sieht visuell aufregend aus, ist letzten Endes aber ein mittelmäßiges Sozialdrama mit eingestreuten Mini-Musikvideos, die bis zuletzt wie Fremdkörper wirken.




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