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The Trouble with being born
The Trouble with being born
© eksystent distribution filmverleih

Kritik: The Trouble with being born (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Wenn das Kino von künstlichen Menschen träumt, dann stellt es wie Philip K. Dick gern die Frage, wovon eigentlich die künstlichen Menschen träumten. Mal sind die Maschinenmenschen nützliche Werkzeuge wie in Fritz Langs "Metropolis" (1927), mal unfreiwillige Komiker wie in "Star Wars" (1977), mal der Hort des Horrors wie in "Alien" (1979). Die Fragen, was den Menschen zum Menschen und die Maschine zur Maschine mache, worin sich Mensch und Maschine unterschieden und ob die Maschinen nicht die besseren Menschen seien, schwingen immer mit. In Dicks Roman "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" (1968) und dessen Verfilmung "Blade Runner" (1982) sind sie das zentrale Thema. Sandra Wollner ist an all dem nicht interessiert, was ihren Film umso beunruhigender macht.

Auch bei Wollner steht das Verhältnis von Mensch und Maschine im Mittelpunkt. Und auch Wollners künstlicher Mensch sieht einem echten Menschen zum Verwechseln ähnlich. Die österreichische Drehbuchautorin und Regisseurin nutzt das geschickt, um ihr Publikum in die Irre zu führen und nachhaltig zu verunsichern. Zunächst sieht in ihrem zweiten abendfüllenden Spielfilm alles nach einer heilen Welt aus. Ein Vater und seine Tochter verleben heiße Sommertage in einem Haus am Waldrand. Der weitläufige Garten und der Pool sehen einladend aus. Doch bald schon schleichen sich Ungereimtheiten in dieses Idyll. Das Mädchen ist ein Android. Ist es ein Ersatz für eine vor Jahren verlorene Tochter? Ist es das Sexspielzeug eines Pädophilen? Ist es beides? Und ist die Tochter deshalb aus dem Leben des Vaters verschwunden, weil er sie missbrauchte? Oder hat es nie eine Tochter gegeben?

Sandra Wollner wirft diese Fragen indirekt auf, beantwortet aber keine davon (eindeutig). Und sie verurteilt ihre Figuren nicht, sondern sieht ihnen einfach zu. Das wiederum löst die unterschiedlichsten Reaktionen beim Zusehen aus. Obwohl sich der von Dominik Warta ruhig und zurückhaltend gespielte Vater nicht an einem echten Menschen, sondern an einem technischen Apparat vergreift (ist das überhaupt möglich?), sind die Szenen nur schwer zu ertragen. Warum eigentlich? Vielleicht ja genau deshalb, weil Wollner hier keinen Maschinenmenschen zeigt, der wie ein Mensch sein möchte, sondern lediglich ein programmiertes Gerät. Dieses Ding, so sehr es einem Mädchen auch ähnelt, besitzt keine Seele. "The Trouble with Being Born" sei kein Film über eine künstliche Intelligenz, sondern über ein Gefäß, hat Wollner in einem Regiekommentar gesagt.

Wie formbar dieses Gefäß ist, zeigt die zweite Hälfte des Films. Darin wird aus dem Mädchen ein Junge, der der Mutter seines neuen Besitzers als Gefährte dienen soll. Der Android ersetzt den Bruder, den die Mutter in Kriegstagen verloren hat, als sie selbst und ihr Bruder noch Kinder waren. Abermals gerät die Maschine zur Ersatzbefriedigung. Ein technisches Gerät, auf das die Besitzer ihre Wünsche projizieren. Ein Apparat, der Emotionen kanalisiert und die Menschen reparieren soll.

Diese zweite Episode dieses zweigeteilten Films denkt die Möglichkeiten einer solchen Technik konsequent fort. Und weil Wollner dabei stets die unangenehmen Möglichkeiten mitdenkt, geht ihr Film weiter als die üblichen Hollywood-Produktionen. Erzählerisch, visuell und schauspielerisch bleibt der zweite Teil jedoch hinter dem ersten zurück. Auch ist Wollner nicht an einer stringenten Handlung interessiert. Ihre Geschichte driftet ab, mäandert und verwirrt. Ihr gehe es mehr um die "Rückkehr zum Vorbewussten: Kino als Traum", hat sie dazu gesagt. "The Trouble with Being Born" ist mal Lust-, mal Alb-, mal Wunschtraum. Das macht diesen Film zu einer gleichermaßen herausfordernden wie spannenden Erfahrung, aber auch ungemein sperrig.

Fazit: Sandra Wollners "The Trouble with Being Born" ist ein beunruhigender Film, der unweigerlich Fragen aufwirft, ohne sie explizit zu stellen. Ein Film, der in seiner Konsequenz weit über vergleichbare Hollywood-Produktionen hinausgeht, dabei die unterschiedlichsten Reaktionen hervorruft, das Publikum aber garantiert nicht kaltlässt. Diese emotionale Stärke kann die erzählerischen Schwächen allerdings nie ganz überdecken.




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