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Der nackte König   18 Fragmente über Revolution
Der nackte König 18 Fragmente über Revolution
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Kritik: Der nackte König – 18 Fragmente über Revolution (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Was passierte in den Köpfen der jungen Frauen und Männer, die sich damals, vor über 40 Jahren, an den Revolutionen im Iran und Polen beteiligten? Welche Hoffnungen verbanden sie mit den Bewegungen, die zu radikalen Änderungen führten? Und kann man diese beiden Revolutionen überhaupt miteinander vergleichen? Diesen und ähnlichen Fragen geht Hoessli in "Der nackte König" auf den Grund. Der 70-jährige Züricher arbeitete nach seinem Studium als Osteuropa-Korrespondent für Schweizer Zeitungen und später als Reporter für das heimische Fernsehen. Seit den 90er-Jahren ist er als freier Autor von Dokus sowie Reportagen für Kino und TV tätig.

Die ganz persönlichen Aufzeichnungen und verschriftlichen Gedanken Kapuscinskis zu den Ereignissen im Iran stellen den Ausgangspunkt dieser anspruchsvollen filmischen Erzählung dar. Wie Tagebucheinträge hört man sie aus dem Off, mit sonorer Stimme vorgetragen vom mittlerweile verstorbenen Schauspieler Bruno Ganz. Bisweilen driften die Sätze etwas in pathisch-kitschige Gefilde ("Revolution ist ein Abenteuer des Herzens") sowie an Kalender- oder Poesiealbumsprüche erinnernde, nichtssagende Aussagen ("Der Akt der Revolte befreit uns vom eigenen Ich") ab.

Doch das Wichtige an diesem, zum Nachdenken und Reflektieren anregenden Film aber sind ohnehin die beeindruckenden Archivaufnahmen jener Tage, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben – und nochmals in Erinnerungen rufen, welch Einschnitt die Revolutionen im Iran und Polen bedeuteten und welch Macht "vom Volke" ausging. Wir sehen Bilder des von seinen Solidarnosc-Mitstreitern auf Händen getragenen Lech Walesa, die streikenden polnischen Wertfarbeiter, die Menschenmassen in den Straßen der iranischen Hauptstadt Teheran sowie Impressionen von der Krönung des Schahs in den späten 60er-Jahren. Etwas mehr als zehn Jahre später sorgte die islamische Revolution für ein Ende der Monarchie im Land.

Hoessli reist in beide Länder, spricht mit Zeitzeugen und ehemaligen Revolutionären und zeigt Aufnahmen aus dem heutigen Polen und dem heutigen Iran. Zudem behandelt er seine eigene Geschichte (er sollte für Geheimdiensttätigkeiten für die Polnischen Volksrepublik angeworben werden) und lässt den Zuschauer an seinen fließenden, philosophischen Überlegungen und gedanklichen Verbindungen teilhaben. Darüber vergisst er bisweilen, dass er dem Betrachter einiges abverlangt: fast 110 Minuten, vollgepackt mit Infos, einem Mix aus Interviews und Archivbildern und dem ständigen Wechsel zwischen zwei Ländern, Revolutionen sowie Gegenwart und Vergangenheit. Das ist zwar alles hochinteressant und lehrreich, aber auch ziemlich anstrengend und herausfordernd.

Fazit: Kluge, kontemplative und mit bemerkenswerten Originalbildern ausgestatte Doku, die jedoch ein für die Thematik offenes sowie an Geschichte und Politik interessiertes Publikum unbedingt benötigt.




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