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Silence Radio
Silence Radio
© JIP Film und Verleih

Kritik: Silence Radio (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Im Original heißt Juliana Fanjuls Dokumentarfilm nicht "Silence Radio", sondern "Radio Silence", also Funkstille. Doch so, wie das Publikum ihres Films dessen Protagonistin kennenlernt, ist schnell klar, dass es nicht lange dabei bleiben wird. Als die mexikanische Journalistin Carmen Aristegui von ihrem Radiosender wegen ihrer kritischen Berichterstattung entlassen wird, funkt sie kurz darauf auf ihrem eigenen Kanal weiter. Eine mutige und umtriebige Frau, die sich nicht so einfach mundtot machen lässt.

In ihrem Heimatland ist Carmen Aristegui bekannt wie ein bunter Hund. Wohin sie in Fanjuls Dokumentarfilm auch geht, überall muss sie für Selfies posieren oder bekommt Anerkennung und Ermunterung für ihre Arbeit zugesprochen. In Zeiten, in denen Pressevertreter hierzulande in der Öffentlichkeit immer häufiger bepöbelt und angegriffen werden, machen diese Bilder Hoffnung. Die Mehrheit der Bevölkerung scheint auch weiterhin von der Bedeutung einer freien Presse überzeugt zu sein, einerseits. Auf der anderen Seite zeichnet Fanjul ein ernüchterndes Bild ihres Heimatlandes, in dem sich politisch nichts zu ändern scheint, in dem die Korruption inzwischen alle Teile der Gesellschaft durchdrungen hat und in dem eine kritische Berichterstattung Journalisten nicht nur den Job, sondern auch das Leben kosten kann.

Erzählerisch zieht die Regisseurin, die seit 2011 in der Schweiz lebt, ihren Dokumentarfilm als nüchternen bis düsteren Off-Kommentar auf. Das ist Stärke und Schwäche zugleich. Gepaart mit Fanjuls Stimme erzeugen die Bilder eine dichte Atmosphäre. Die Zusehenden haben das Gefühl, mitten drin zu sein. Bei aller Nähe schafft diese Form aber ausgerechnet zur Protagonistin eine Distanz. Fanjul lässt Carmen Aristegui zu selten selbst zu Wort kommen. Was diese bewundernswerte Journalistin tatsächlich über ihr Land, ihre Arbeit und die eigene Rolle darin denkt, erfährt das Publikum meist nur aus zweiter Hand.

Fazit: Juliana Fanjuls Dokumentarfilm führt die Unabdingbarkeit einer freien Presse für eine gesunde Demokratie vor Augen. Mit Carmen Aristegui, einer der bekanntesten Journalistinnen Mexikos, hat sie eine ebenso mutige wie faszinierende Protagonistin gefunden. Allerdings kommt der Film ihr bis zuletzt nie so nahe, wie er es eigentlich könnte.




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