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Kritik: Die letzten Reporter (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Deutschen sind Weltmeister im Kritisieren und Besserwissen. Die Presse ist ein beliebtes Angriffsziel. Wer kritisiert sie nicht für ihre Berichterstattung? Wie diese zustande kommt, wissen allerdings die wenigsten. Wer sich schon immer gefragt hat, wie eine Lokalredaktion von innen ausschaut, der sollte sich Jean Boués Dokumentarfilm ansehen. Wer sich gar in abstruse Verschwörungstheorien versteigt, die Presse in Deutschland sei von irgendeiner Stelle aus gelenkt, dem sei dieser Film wärmstens empfohlen.

Ohne Partei zu ergreifen, bricht "Die letzten Reporter" eine Lanze für den Journalismus im Allgemeinen und für den Lokaljournalismus im Besonderen. Dabei macht dieser Dokumentarfilm nur das, was jeder gute Dokumentarfilm macht: Er ist nah an den Protagonisten, macht deren Arbeitsalltag anschaulich und für alle nachvollziehbar und lässt diese zu Wort kommen.

In den grundsätzlich positiv gestimmten Aussagen schwingt auch immer Sorge mit. Die Digitalisierung zwingt den Lokaljournalismus zu einem Wandel. Nicht alle Aspekte daran sind positiv. Ältere Journalisten macht die Umstellung zu schaffen, motivierter Nachwuchs wird immer seltener. Das hat auch mit den Arbeitszeiten und der Bezahlung zu tun. Denn was viele Zeitungsleser nicht wissen: Der einst angesehene und ordentlich honorierte Job sinkt nicht nur im öffentlichen Ansehen, auch die Finanzlage sieht bei vielen Medienhäusern schon länger nicht mehr rosig aus.

Ein Film wie "Die letzten Reporter" sorgt dafür, dass das Ansehen wieder steigt. Man muss kein Fan von Unterhaltungsjournalismus sein, wie ihn der im Film vorgestellte Werner Hülsmann betreibt, um zu erkennen und anzuerkennen, dass es positiv verrückte Typen wie Hülsmann braucht. Oder Typen wie Tom Willmann, der sich jedes Wochenende unermüdlich auf die Sportplätze stellt und dabei jeden gleich behandelt – egal ob er über die Herrenmannschaft eines Fußballklubs oder über den sporttreibenden Nachwuchs berichtet. Oder Anna Petersen, die trotz zahlreicher Journalistenpreise dem Lokalen treu bleibt, weil hier die Geschichten passierten, über die berichtet werden müsse.

Ohne Journalistinnen und Journalisten wie die drei im Film vorgestellten wäre nicht nur der Journalismus ärmer, sie sind auch eine Grundvoraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Auch das macht dieser Film am Ende deutlich.

Fazit: Über Lokaljournalismus lässt sich gut lästern. Wie wichtig er ist, merken die meisten erst, wenn es keinen mehr gibt, weil die letzte regionale Tageszeitung dichtgemacht hat. Jean Boués Dokumentarfilm zeigt nicht nur die Bedeutung des Lokaljournalismus auf, sondern auch, wie er funktioniert. Vor allem aber zeigt er die Menschen dahinter: Journalistinnen und Reporter aus der Region, die nicht für sich selbst, sondern für die Menschen vor Ort Nachrichten machen.




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