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Freakscene - The Story of Dinosaur Jr.
Freakscene - The Story of Dinosaur Jr.
© Rapid Eye Movies

Kritik: Freakscene - The Story of Dinosaur Jr. (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In Kunstkreisen gibt es ein Phänomen, das in der Musikbranche vermutlich am weitesten verbreitet ist: Künstler, die in der Szene allseits bekannt sind, weil sie von der Fachpresse gefeiert werden und andere Künstler maßgeblich beeinfluss(t)en, die außerhalb der Szene aber kaum einer kennt, weil ihre Kunst kaum einer kauft. Die US-Ostküsten-Rocker von Dinosaur Jr. zählen dazu. Zwar sind die drei Musiker keine gänzlich unbekannte Größe der Musikgeschichte. Vom Erfolg der Bands, die sich auf ihren Stil berufen, sind sie aber meilenweit entfernt. Und während jeder, der in den 1990ern MTV geschaut hat, spontan mehrere Songs von Nirvana aufzählen kann, wird es bei Dinosaur Jr. schon schwierig, obwohl deren Musikvideos dort ebenfalls in Dauerschleife liefen.

Vielleicht liegt es am Sound, vielleicht an den Bandmitgliedern. Im Gegensatz zu anderen Bands der Grunge- und Alternative-Rock-Szene war der Sound von Dinosaur Jr. immer ein wenig sperriger und bis auf wenige Ausnahmen, die zu ihren größten Hits wurden, weit weg von massentauglich. Das stellt Philipp Reichenheims erster langer Dokumentarfilm ebenso unmissverständlich heraus wie die außergewöhnlichen Dynamiken in dieser Band. Während es den meisten Musikern um Spaß geht, ging und geht es Sänger und Gitarrist J Mascis, Bassist Lou Barlow und Schlagzeuger Murph immer nur um harte Arbeit. Die Musik und nicht das Drumherum steht im Vordergrund. Diese drei wollen ihren Sound auf Teufel komm raus verbessern. Vor Reichenbergs Kamera betont jeder von ihnen gleich mehrfach, wie wenig Freude ihnen das Band-Dasein bereite.

Wer schon diese Tatsache für außergewöhnlich hält, wird sich verwundert die Augen reiben, wenn es um die Kommunikation in der Gruppe geht. Denn die Bandmitglieder kommunizieren so gut wie nicht miteinander. Frotzeleien, Abneigungen und Streitereien, die bis zu jahrzehntelang geführten Rechtsstreits ausarten können, sind in Bands nichts Ungewöhnliches und nehmen in der Regel mit dem Erfolg einer Gruppe zu. Dass es manchmal sogar eines Therapeuten bedarf, um den schiefhängenden Bandsegen wieder geradezurücken, hat vor einigen Jahren die Doku "Metallica: Some Kind of Monster" (2004) ebenso eindrucksvoll wie amüsant gezeigt. Bei Dinosaur Jr. hat das Nichtkommunizieren aber noch einmal eine ganz andere Qualität, die ebenso seltsam ist, wie sich manche der Songs anhören.

Der Regisseur, der in der Branche auch als Philipp Virus firmiert und gut mit dem Musiker Alec Empire von Atari Teenage Riot befreundet ist, hat einen sehr persönlichen Bezug zu dieser Band. Selbst ein Fan ihrer Musik lernte er J Mascis 1994 kennen. Inzwischen is Mascis mit Reichenheims Schwester verheiratet. Als neues Familienmitglied ging Reichenheim mehrfach mit Dinosaur Jr. auf Tour und hielt alles mit seiner Filmkamera fest. Erste Aufnahmen der Band drehte er bereits Mitte der 1990er. Außerdem öffneten ihm Musikgrößen wie Thurston Moore und Lee Ranaldo von Sonic Youth ihre Privatarchive. Andere wie ihre Bandkollegin Kim Gordon oder Ex-Black-Flag-Frontmann Henry Rollins kommen zu Wort.

Herausgekommen ist eine beeindruckende Musikdoku, der es gelingt, die Faszination, die vom Sound dieser Band ausgeht, einzufangen. Dabei geht es Reichenheim weniger um die Entstehung der Musik, um Studiosessions, Plattenverkäufe und das Leben auf Tour und mehr um die Funktionsweise einer Band, die einer dysfunktionalen Familie gleichkommt. Eine sehens- und hörenswerte Hommage, in die viel Herzblut geflossen ist.

Fazit: Philipp Reichenheim alias Philipp Virus hat eine Musikdoku über eine Band gedreht, die viele andere beeinflusst hat und deren Sound mehr Menschen kennen sollten. Sein Porträt dreier Musiker, die ausschließlich auf der Bühne funktionieren, ist eine liebevolle Hommage und äußerst sehens- und hörenswert.




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