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Charlatan (2020)

Umstrittener Heiler: Agnieszka Holland hat das Leben von Jan Mikolášek verfilmt.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5
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Die Tschechoslowakei in den 1950er-Jahren: Vor dem Haus von Jan Mikolášek (Ivan Trojan) bilden sich jeden Tag lange Menschenschlangen. Mikolášek ist ein Heiler, der den Urin seiner Patienten mit bloßem Auge analysiert, eine Diagnose stellt, die sein Gehilfe und Lebensgefährte František Palko (Juraj Loj) akribisch protokolliert, und die diagnostizierten Krankheiten mit Kräutern behandelt. Seine Heilkünste brachten ihm ein Vermögen und Fürsprecher in politischen Positionen ein. Doch damit ist es jetzt vorbei.

Eines Nachts dringt die Staatssicherheit in Mikolášeks Villa ein und verhaftet ihn und František. Mikolášek wird vorgeworfen, ein Mitglied der Kommunistischen Partei mit Kräutern vergiftet zu haben. Während er auf seine Gerichtsverhandlung wartet, offenbart sich nach und nach, wie er zu dem wurde, der er ist. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kehrte der junge Jan Mikolášek (jetzt: Josef Trojan) zunächst in den Gärtnereibetrieb seines Vaters zurück, bevor er bei der Heilerin Mühlbacherová (Jaroslava Pokorná) in die Lehre ging.

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse4 / 5

Agnieszka Hollands neuer Film hat lange auf sich warten lassen. Seine Weltpremiere feierte "Charlatan" bereits im Rahmen der 70. Berlinale im Februar 2020. Dann kam Corona und machte einen regulären Kinostart vorerst zunichte. Auch ein geplanter Starttermin im Frühjahr 2021 musste verschoben werden, weil Deutschland im nächsten Lockdown steckte. Ein weiteres Jahr später kommt das biografische Drama nun aber endlich in die Kinos und wartet mit einer ausgesprochen ambivalenten Hauptfigur auf.

Holland hat das Leben des tschechischen Heilers Jan Mikolášek (1889-1973) verfilmt. Es ist nicht das erste Mal, das die polnische Drehbuchautorin und Regisseurin eine Biografie anpackt. Zu ihren bekanntesten und besten Werken zählt das auf Sally Perels Lebenserinnerungen beruhende Weltkriegsdrama "Hitlerjunge Salomon" (1990), für das sie eine Oscarnominierung für das beste Drehbuch erhielt. Nachdem sie sich jüngst in "Red Secrets – Im Fadenkreuz Stalins" (2019) mit der Zwischenkriegszeit beschäftigt hatte, kreist auch "Charlatan" um die Jahre vor, während des und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, anders als in "Hitlerjunge Salomon" und "Red Secrets" sind die Guten und die Bösen allerdings nicht so einfach auszumachen.

Holland, die seit den 1990er-Jahren auch in Hollywood dreht und bei namhaften US-Fernsehserien wie "The Wire" (2002-2008), "Treme" (2010-2013) und "House of Cards" (2013-2018) auf dem Regiestuhl saß, fährt auch in ihrem neuen Drama all ihr Können auf. Mühelos wechselt sie zwischen den Zeitebenen, Stimmungen und Farbpaletten. Während die Nachkriegsjahre in tristes Grau getaucht sind, blüht der Film mit seinem jungen Protagonisten während dessen Lehrjahren inmitten der Natur förmlich auf.

An einfachen Antworten ist die 1948 geborene Filmemacherin nicht interessiert. Jan Mikolášek, der dank einer klugen Casting-Entscheidung einmal von Ivan Trojan und in jungen Jahren von dessen Sohn Josef Trojan gespielt wird, was den Authentizitätsfaktor erhöht, ist unter Hollands Regie ein durch und durch widersprüchlicher und kein bisschen liebenswerter Charakter. Er glaubt an seine von Gott gegebene Gabe, ist jedoch so demütigt, dass er jegliche Huldigung schroff zurückweist. Er genießt sein Geld, ist aber nicht geizig, gar großzügig gegenüber Bedürftigen. Er weist keinen Patienten ab, wodurch er auch die Leben totalitärer Militärs und Politiker rettet. Gleichzeitig geht er für seinen eigenen Vorteil selbst über Leichen.

Mit einer solchen Hauptfigur macht es Holland ihrem Publikum nicht leicht. Gerade solche Figuren machen das Kino aber aus. Ob dieser Mann ein Held oder ein Scharlatan ist und wie viel Wahrheitsgehalt in seiner Heilkunde steckt, muss das Kinopublikum für sich selbst entscheiden.

Fazit: Die polnische Regiegröße Agnieszka Holland hat das Leben des tschechischen Heilers Jan Mikolášek verfilmt. Das versiert inszenierte und fabelhaft gespielte Biopic ist ein facettenreiches Porträt eines höchst ambivalenten Mannes. Ein Drama über den Glauben, die Liebe und Naturheilkunde im Angesicht verschiedener politischer Regime.




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Land: Tschechien, Irland, Polen, Slowakei
Jahr: 2020
Genre: Drama, Biopic
Länge: 118 Minuten
FSK: 12
Kinostart: 20.01.2022
Regie: Agnieszka Holland
Darsteller: Ivan Trojan als Jan Mikolásek, Josef Trojan als der junge Jan Mikolásek, Juraj Loj als Frantisek Palko
Verleih: Pro Fun Media

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