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Nicht dein Mädchen
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Kritik: Nicht dein Mädchen (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Wenn dieser Film seine deutsche Kinopremiere feiert, ist sein Thema aktueller denn je. Ein von der Öffentlichkeit aufmerksam verfolgter Prozess wegen Besitzes und Verbreitung von Kinderpornografie ging gerade erst zu Ende. Und auch der pandemiebedingte Lockdown ist für das Wohl von Kindern, die von Misshandlungen und Missbrauch bedroht sind, nicht gerade förderlich. Das Startdatum dieses Films ist dementsprechend mit Bedacht gewählt. Zwei Tage bevor "Nicht dein Mädchen" regulär anläuft, ist das Drama am 25. Mai, dem Tag der vermissten Kinder, ab 19 Uhr über die Seite premiere.wfilm.de in einem kostenlosen Live-Stream zu sehen. Im Anschluss daran wird es einen Live-Talk mit der Regisseurin Isabella Sandri und weiteren Gästen geben.

Sandri hat lange für ihren Film gekämpft. In ihrem Heimatland Italien, in dem das Thema immer noch als Tabuthema gilt, wollte den Film zunächst keiner finanzieren. Ein Teil des Fördergeldes kam aus Deutschland, wo die Geschichte beginnt. Der Saatgutvertreter Richi (Moisé Curia) reist mit einem Mädchen (Anna Malfatti), das seine Tochter sein könnte, durch den malerischen Schwarzwald. Doch in dieser vermeintlichen Idylle ziehen schnell dunkle Wolken auf, als sich die wahre Beziehung abzeichnet zwischen Richi und dem Mädchen, das er im italienischen Original "Sputo" ("Spucke") und in der deutschen Synchronisation "Spätzchen" nennt. Auch der Originaltitel weicht vom deutschen Verleihtitel ab. Im Italienischen heißt Sandris Film "Un confine incerto", also "Eine unsichere Grenze", denn in ihrem Film geht es um Grenzübertritte, im wörtlichen und im übertragenen Sinn, und darum, dass es nicht immer leicht ist, Grenzen für sich und andere zu ziehen.

Landesgrenzen werden überquert und Europas offene Grenzen erleichtern Richi die Flucht vor der Ermittlerin Milia Demetz (Cosmina Stratan), die bei ihrer Arbeit wiederum an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit gerät. Bis zu welchem Punkt geht eine Sache in Ordnung und ab welchem Punkt ist eine Grenze überschritten? Um diese Fragen kreist Sandris Film, der selbst entlang von Genregrenzen verläuft. Die Handlung hört sich zwar wie ein Krimi an und offiziell ist dieser Film als Thriller etikettiert, durch Sandris ruhige, klug verflochtene und mitunter träumerischer Inszenierung wird er aber tatsächlich zu einem Drama.

Sandri, die in ihrer Karriere nicht nur, aber vornehmlich Dokumentarfilme gedreht hat, bringt von dieser Arbeit den präzisen Blick für den Alltag ihrer Figuren mit. "Nicht dein Mädchen" ist aber alles andere als ein dokumentarisch anmutendes Drama, weil die Regisseurin auch einen prägnanten Stilwillen besitzt. Ihre zwei Parallelhandlungen erzählt sie ruhig und unaufgeregt und lässt die Figuren des Mädchens und der Ermittlerin dabei immer wieder verschwimmen. Wie in diesem Film überhaupt viel verschwimmt – nicht zuletzt die Sprachgrenzen zwischen Italienisch, Ladinisch, Deutsch und Rumänisch. "Nicht dein Mädchen" ist ein Drama aus einem globalisierten Europa, in dem auch die Kriminalität globalisiert ist und es nicht schaden kann, ganz genau hinzusehen.

Fazit: Die italienische Regisseurin Isabella Sandri, bislang eher für Dokumentarkino bekannt, hat einen gleichermaßen spannenden, bewegenden und einfühlsamen Film über ein wichtiges Thema gedreht. Dabei gelingt ihr der Balanceakt, von Grenzgängen zu erzählen, ohne Grenzen zu verletzen.




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