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Kritik: Patrick (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der 1977 in Lissabon geborene Theater- und Filmschauspieler Gonçalo Waddington ("1001 Nacht: Teil 2 – Der Verzweifelte") legt mit "Patrick" seinen ersten Langfilm als Regisseur vor. Darin widmet er sich einem schweren Thema: Kindesentführung und -missbrauch. Was die Boulevardpresse gern mit reißerischen Schlagzeilen verkauft, dem nähert sich Waddington mit Bedacht. Sein Debüt ist ruhig gefilmt, mit Mut zur Lücke und mitunter symbolisch erzählt und großartig besetzt.

Der Erfolg dieses Debüts steht und fällt mit seinem Hauptdarsteller Hugo Fernandes. Der Druck, der auf seinen Schultern lastet, ist Fernandes nicht anzumerken. Möglicherweise ist er auch nützlich, denn auch der von ihm gespielte Protagonist steht unter enormem Druck. Wir begegnen ihm zunächst in Paris. Vasco Vianas Kamera nimmt nur ihn in den Fokus. Die Welt drumherum verschwimmt – erst in der Anonymität der Masse, später im Rausch. Sukzessive weitet sich der Blick. Doch so rundum er in der portugiesischen Landschaft, in die Patrick zurückkehrt, auch zu sein scheint, es bleibt ein blinder Fleck, den auch Bruno Pernadas' Musik hervorhebt. Seine elegischen Streicher kippen ins Dissonante.

Die Zerrissenheit der Hauptfigur ist bereits im Drehbuch angelegt. Patrick spricht nicht viel. Er beobachtet lieber und schweigt sein Gegenüber an. Doch die Stille trügt. Dahinter lauert etwas Bedrohliches und Furchterregendes. Den Blick, hinter dem Hugo Fernandes diese Gefahr versteckt, kann man in kein Drehbuch schreiben. Ebenso wenig die Angespanntheit seiner Figur, die jederzeit aus ihr herauszubrechen droht. Und dann sind da noch Patricks Handlungen, die davon erzählen, wie sein altes Selbst vor der Entführung mit dem Selbst der seither gesammelten Erfahrungen ringt. Akribisch bis manisch enthaart er seinen Körper, um auch als 20-Jähriger wie ein unschuldiges Kind auszusehen. Immer wieder ruft er seinen Entführer an, weil er nicht von ihm loskommt.

Szenen wie diese sind stärker und eindrücklicher als jede Gewalttat, die Gonçalo Waddington wohlweislich ausspart. Sein Film lässt genügend Leerstellen, die jede/r Zusehende mit den eigenen Interpretationen füllen kann. Man muss den Missbrauch nicht sehen, um zu begreifen, welche Auswirkungen er auf den Protagonisten hat. Und man begreift, warum Patricks Sehnen nach Nähe – gemeinsam mit Schauspielkollegin Alba Baptista wunderbar zärtlich vorgetragen – scheitern muss. Die Befreiung aus diesem Zwiespalt ist am Ende nur konsequent.

Fazit: Mit "Patrick" legt der Schauspieler Gonçalo Waddington seinen ersten Langfilm als Regisseur vor. Sein Drama über Kindesmissbrauch ist konsequent aus der Perspektive des inzwischen erwachsenen Opfers erzählt. Waddington nähert sich dem Thema mit Bedacht und Mut zur Lücke. Dabei kann er auf sein herausragendes Ensemble vertrauen, allen voran Hauptdarsteller Hugo Fernandes, der die innere Zerrissenheit seiner Figur eindrücklich auf die Leinwand bringt.




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