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One Night in Miami
One Night in Miami
© Amazon Studios

Kritik: One Night in Miami (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Was passieren könnte oder was hätte passieren können, das sind die Grundfragen des Drehbuchschreibens. Ab und an treffen bei der Beantwortung Berühmtheiten aufeinander, und der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. In Nicolas Roegs "Insignificance" (1985) etwa kamen vier Prominente der 1950er-Jahre in einem Hotelzimmer zusammen: Marilyn Monroe, Joe DiMaggio, Albert Einstein und Joseph McCarthy. Roegs Komödie basierte auf einem Theaterstück, war allerdings frei erfunden. Regina Kings "One Night in Miami" hat ebenfalls eine Bühnenvorlage und spielt in einem Hotelzimmer, ist aber ein Drama, und das Treffen in den 1960er-Jahren fand tatsächlich statt.

Die vier Berühmtheiten sind der frisch gekürte Box-Weltmeister Cassius Clay (Eli Goree), Bürgerrechtler Malcolm X (Kingsley Ben-Adir), Footballspieler Jim Brown (Aldis Hodge) und Sänger Sam Cooke (Leslie Odom Jr.) – allesamt schwarz, und das hat einen guten Grund. Denn "One Night in Miami" erzählt vom langen Kampf um Gleichberechtigung, der bis heute andauert. Obwohl Clay mit seinen flinken Fäusten und Cooke mit seiner geschmeidigen Stimme soeben noch ein weißes Publikum bei Laune hielten, dürfen sie nicht mit diesem feiern. Ja, sie dürfen nicht einmal im selben Hotel absteigen, weshalb ihr Treffen am Stadtrand in einem Motel für Schwarze über die Bühne geht. Die Orte dieses Films spiegeln den Inhalt der Konversationen. Denn bald schon verlaufen die Gespräche der vier entlang der Grenze zwischen persönlichem Aufstieg und Erfolg bei gleichzeitiger sozialer Ausgrenzung.

Das Treffen der vier Freunde ist verbürgt, worüber sie redeten nicht. Der Autor der Bühnenvorlage, Kemp Powers, zeichnet auch für das Drehbuch verantwortlich. Aus dramaturgischen Gründen bleibt es kein ruhiger Abend. Geheimnisse kommen auf den Tisch, Vorwürfe werden gemacht. Es bilden sich Lager, die mehrfach wechseln. Zur großen Streitfrage wird, wer mehr für die Schwarzen tut, ein Bürgerrechtler wie Malcolm X, der die Weißen verteufelt, oder ein erfolgreicher Künstler wie Sam Cooke, der sich Malcolm X' Meinung nach beim weißen Publikum anbiedert, der durch seinen Erfolg aber nicht nur Anerkennung erlangt, sondern auch Arbeitsplätze für Schwarze schafft.

Die Beschreibung des Inhalts zeigt es bereits: "One Night in Miami" ist ein Film, der von seinen vier Hauptdarstellern und von den Dialogen lebt. Dadurch erinnert die Amazon-Produktion, die für drei Oscars nominiert ist, an eine Produktion der Konkurrenz: Auch der für fünf Oscars nominierte Netflix-Film "Ma Rainey's Black Bottom" (2020) ist ein kammerspielartiges Drama, das von einem Teil schwarzer (Musik-)Geschichte erzählt. Im Gegensatz zu ihrem Kollegen George C. Wolfe wagt sich Regisseurin Regina King jedoch häufiger ins Freie, was wohl auch daran liegt, dass Powers' Vorlage lediglich ein Einakter ist.

Ein Prolog führt die Figuren ein und verdeutlicht in Jim Browns Episode, wie viel hinter einem Lächeln versteckter Rassismus ihnen tagtäglich entgegenschlägt. In einem Epilog wird Clays Übertritt zum Islam verkündet. King zeigt den Boxkampf und das Drumherum. Und auch während des Treffens bricht sie die Enge des Motelzimmers wiederholt auf. Dann gehen zwei Figuren gemeinsam Getränkenachschub kaufen oder alle vier steigen aufs Dach und genießen den Ausblick.

Oscarpreisträgerin King ("Beale Street", 2018) hat bereits mehrfach bei Fernsehserien und -filmen Regie geführt. Jetzt legt sie mit "One Night in Miami" ihren ersten Kinofilm als Regisseurin vor – auch wenn der Film wegen der Corona-Pandemie nur kurz und nur in wenigen Kinos zu sehen war. Handwerklich liefert sie mehr als solide Arbeit ab. Ihre größte Stärke liegt jedoch darin, als Schauspielerin das Beste aus ihren Schauspielkollegen herauszukitzeln. An die Intensität der in "Ma Rainey's Black Bottom" gezeigten Leistungen reicht das zwar nicht heran, die vier Hauptdarsteller spielen aber durchweg überzeugend. Leslie Odom Jr. brachte das eine Oscarnominierung als bester Nebendarsteller ein. Und auch Eli Goree spielt in seiner ersten großen Kinorolle groß auf. Ein Talent, das sicherlich noch viel von sich hören lassen wird.

Fazit: Regina Kings erster Kinofilm als Regisseurin ist ein kammerspielartiges Drama, in dem das Private politisch wird. Handwerklich gut, aber auch unauffällig inszeniert lebt dieser Film in erster Linie von seinen Dialogen und den vier hervorragenden Hauptdarstellern.




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