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Scars
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© Rise and Shine Films GmbH

Kritik: Scars (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In ihrem Dokumentarfilm "Scars" widmet sich die Regisseurin Agnieszka Zwiefka einem sehr komplexen Sujet. Sie porträtiert die Tamilin Vetrichelvi, die als junge Frau im sri-lankischen Bürgerkrieg für die Tamil Tigers kämpfte und dabei einen Arm und ein Auge verlor. Zwiefka zeigt, wie Vetrichelvi inzwischen lebt und welche Gefühle und Gedanken sie umtreiben. Neben einigen Archivaufnahmen und kurzen Einschüben einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema konzentriert sich das Werk vor allem auf Gespräche, die Vetrichelvi mit Familienangehörigen und mit anderen ehemaligen Kämpferinnen führt.

In den zwischenmenschlichen Begegnungen geht es etwa um die Zeit im Trainingslager oder um den Kampf ums Überleben. Deutlich wird, dass es bittere Erinnerungen sind – zugleich lässt der Film aber auch erkennen, dass es den Frauen bis heute schwerfällt, die brutalen Erfahrungen überhaupt aussprechen und einordnen zu können. "Es war wie ein Spiel, der Krieg", heißt es an einer Stelle. Oft müssen die Frauen bei ihren Schilderungen gar anfangen zu lachen (etwa bei der Aussage "Sie dachten, ich würde sterben") – vermutlich deshalb, weil ein adäquater Umgang mit den schrecklichen Erlebnissen schlichtweg nicht möglich ist. Zwiefka und ihr Kameramann Kacper Czubak fangen immer wieder auch schweigende Gesichter ein, die womöglich mehr zu erzählen vermögen als Worte.

"Scars" gelingt in all diesen Momenten eine erstaunlich ambivalente Darstellung. So gibt es auch eine Szene, in der sich Vetrichelvi mit ihrer Mutter unterhält und sie dieser eine passive Haltung vorwirft. Die alte Frau kontert: "Wir glauben, nur unser Volk leidet. Aber denen geht es genauso." Als Kontrast zu den erschütternden Erlebnisberichten zeigt der Film überraschend unbeschwerte Momente, zum Beispiel beim Tanzen oder beim Nägel lackieren. Dies lässt hoffen, dass etwas von den Mädchen, die Vetrichelvi und ihre Kameradinnen einst waren, trotz der physischen und psychischen Narben erhalten geblieben ist. "Ich will die Stimme der Stimmlosen sein", erklärt Vetrichelvi, die noch immer beobachtet wird und Bedrohungen ausgesetzt ist. Der Film trägt auf eindrückliche Weise dazu bei, dass die Geschichten, die lange unterdrückt wurden, nun Gehör finden können.

Fazit: Ein differenzierter Blick auf die Frauen, die für die Tamil Tigers in den Krieg zogen – mit genauen Beobachtungen und facettenreichen Bildern.




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