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Sommer der Krüppelbewegung
Sommer der Krüppelbewegung
© Netflix

Kritik: Sommer der Krüppelbewegung (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die ersten Minuten dieses Dokumentarfilms gehören seinem Co-Regisseur. Ein alter Fernsehbeitrag zeigt James LeBrecht bei seiner Arbeit als Tontechniker in einem Theater im kalifornischen Berkeley. Obwohl LeBrecht mit einer Spaltung der Wirbelsäule geboren wurde und seine Beine nicht bewegen kann, bewegt er sich flink durchs Gebäude, erklimmt scheinbar mühelos Treppen und hangelt sich eine Leiter zur Beleuchterbrücke hinauf. Aufnahmen aus dem Familienarchiv zeigen, dass ihn seine körperliche Einschränkung schon als Kind nicht aufhalten konnte. Er habe stets versucht, seine Behinderung zu überwinden, sagt LeBrecht. Dass das im Grunde die falsche Einstellung war, musste LeBrecht erst lernen. Dem Filmpublikum führt er vor, wie es richtig geht.

"Sommer der Krüppelbewegung" entführt sein Publikum in eine Zeit, in der (öffentliche) Gebäude, Schulen und der Verkehr noch nicht barrierefrei waren. (Viele sind es bis heute nicht; der Kampf geht also weiter.) Menschen mit körperlichem oder geistigem Handicap wurden dadurch ausgeschlossen, an den Rand gedrängt, gar in Heime abgeschoben und so für die breite Masse unsichtbar. Das Ferienlager, das diesem Film – übrigens auch im englischen Original, dort heißt die Doku "Crip Camp" – seinen bewusst provokant gewählten Titel gibt, ist für die Teilnehmenden eine Befreiung. Viele treffen zum ersten Mal auf andere Menschen mit Handicap. Niemand wird dafür komisch beäugt. Die Atmosphäre ist ausgelassen. Liebe und Cannabisduft liegen in der Luft.

LeBrecht, der nach seinem Engagement beim Theater zum Film wechselte, und seine Co-Regisseurin Nicole Newnham zeichnen den Kampf für Gleichberechtigung akribisch nach. Formal ist ihre Doku ganz klassisch aufgezogen. LeBrecht kommentiert aus dem Off und sitzt wie andere Weggefährten von damals als Interviewpartner vor der Kamera. Unterfüttert wird diese Rückschau mit tollen Archivaufnahmen, zum Teil vom seinerzeit 15-jährigen LeBrecht selbst gefilmt. Der Soundtrack der 68er-Bewegung untermalt die Bilder mit Aufbruchstimmung.

"Sommer der Krüppelbewegung" ist ein wichtiger Dokumentarfilm, weil er dem medialen Mosaik von den Bürgerrechtsbewegungen jener Jahre einen weiteren bunten Baustein hinzufügt. Ein Zeitdokument, das die Waage zwischen aufschlussreichen Fakten, augenzwinkernden Erinnerungen und berührenden Momenten hält. Der Protagonistin Denise Sherer Jacobson, die kein Blatt vor den Mund nimmt, gelingt es beispielsweise mehrfach persönliche Erfahrungen zugleich intim und humorvoll zu vermitteln.

Das Ende gehört dann nicht nur James LeBrecht, sondern all den anderen Aktivist*innen, die noch einmal am Ort ihres ersten Aufeinandertreffens zusammenkommen. LeBrecht hat inzwischen erkannt, dass es nicht darum geht, seine körperliche Einschränkung zu überwinden, sondern diese als einen Teil seiner selbst zu akzeptieren. Nicht er muss sich einer Gesellschaft anpassen, die auf Menschen ohne Handicap ausgerichtet ist, die Gesellschaft muss sich so verändern, dass sie allen Menschen offensteht.

Fazit: "Sommer der Krüppelbewegung" ist ein konventionell inszenierter, dafür aber ebenso aufschlussreicher wie berührender wie wichtiger Dokumentarfilm. Der Kampf für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung muss in demokratischen Gesellschaften jeden Tag neu ausgefochten werden. Dieses Zeitdokument wirft ein Schlaglicht auf die US-amerikanische Behindertenbewegung, die gezeigt hat, wie es gehen kann.




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