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Kritik: Time (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Eines der vielen drängenden Probleme der amerikanischen Gesellschaft ist deren Gefängnissystem. In den USA sind nicht nur so viele Menschen inhaftiert wie nirgends sonst auf der Welt, die abzusitzenden Strafen sind auch sehr lang, was wiederum mit dem Justizsystem zusammenhängt. Was all das mit der Sklaverei und Rassismus zu tun hat und wie es sich auf die Gesellschaft auswirkt, das hat jüngst "Der 13." (2016) vor Augen geführt. Ava DuVernays Dokumentarfilm lief beim New York Film Festival, wurde von Netflix ins Programm genommen und 2017 für einen Oscar nominiert. Was die langen Haftstrafen ganz konkret für betroffene Familien bedeuten, zeigt jetzt ein anderer Dokumentarfilm, der beim Sundance Film Festival 2020 Premiere feierte, vom Konkurrenten Amazon vertrieben wird und nun ebenfalls für einen Oscar nominiert ist.

Garett Bradleys Dokumentarfilm beginnt wie ein Homevideo und behält sich diese Unmittelbarkeit und Nähe bis zum Schluss bei. Die Protagonistin Fox Rich spricht direkt in die Kamera. Ihre Ansprache ist deshalb so persönlich, weil das Publikum hier einem Videotagebuch zusieht, das Rich für ihren Ehemann Rob aufgenommen hat, der eine 60-jährige Haftstrafe verbüßt. Ursprünglich wollte Bradley nur eine Kurzdoku über die Protagonistin drehen, doch dann drückte Rich der Regisseurin eine Tüte mit MiniDV-Kasetten in die Hand, die einige Hundert Stunden aufgenommenes Material enthielten. Die Idee zu einem langen Dokumentarfilm war geboren.

Bradley hat aus den Aufnahmen aus dem Privatarchiv und den eigens für ihre Doku gefilmten ein intimes Porträt gewebt, bei dem Vergangenheit und Gegenwart, Subjektivität und Objektivität nahtlos ineinander übergehen. Das liegt nicht nur an Gabriel Rhodes' flüssiger Montage, sondern auch an der Entscheidung, die Doku in Schwarz-Weiß zu drehen. Altes und neues Material ist dadurch schwer(er) voneinander zu unterscheiden. Das Vergehen der Zeit, das sich im englischen Titel auch immer mit dem "to do time", dem Absitzen der Haftstrafe, trifft, ist jederzeit sichtbar. Fox Rich wird älter, ihre Kinder werden erwachsen und zu eloquenten Anwälten für die gute Sache.

Die Wahl der formalen Mittel wirkt sich aber noch anderweitig auf den Film aus. Gepaart mit Edwin Montgomerys und Jamieson Shaws trauriger Klaviermusik, die sich allzu sehr in den Vordergrund drängt und manche Gespräche nur schwer verständlich macht, hinterlasst "Time" einen dezidiert künstlerisch anspruchsvollen Eindruck. Diese Doku ist auch ein Stück filmische Poesie und am Ende "poetic justice" – dabei aber stets voll und ganz von seiner Protagonistin und ihrem Blick auf die Welt abhängig.

Fazit: Die Regisseurin Garett Bradley hat einen intimen Dokumentarfilm über ein gesamtgesellschaftliches Problem gedreht. Im Zentrum stehen eine unbeirrbare Frau und ihre Familie. Durch die völlige Konzentration auf die Protagonistin und durch die Wahl der formalen Mittel stellt dieser Film allerdings das Subjektive und Emotionale sowie seinen Gestaltungswillen über eine objektive Betrachtungsweise.




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