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Courage
Courage
© Living Pictures Production

Kritik: Courage (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Im Zusammenhang mit dem Klimawandel ist häufig von Kipppunkten die Rede. Unter einem solchen Punkt versteht man eine Stelle oder Position, an der etwas aus dem Gleichgewicht gerät oder – in Bezug auf den Klimawandel – einen Zeitpunkt, ab dem etwas unumkehrbar ist. Auch der Dokumentarfilm "Courage" hat solche Kipppunkte. Es sind die stärksten, weil emotionalsten Momente.

Einer davon ereignet sich, als nach den belarussischen Präsidentschaftswahlen 2020 Abertausende Demonstranten friedlich vor das Minsker Parlament ziehen. Einer der Soldaten, der das Gebäude abschirmt, steckt sich eine von den Demonstranten mitgebrachte Blume an seinen Schutzschild. Daraufhin wird er mit Umarmungen überhäuft und von seinen Emotionen übermannt. Die Proteste zeigen Wirkung.

Unter seiner Sturmhaube bleibt der Soldat zwar anonym, sein zartes Alter ist jedoch ersichtlich. Ein junger Mann in Diensten eines Regimes, der sich mit dem Volk solidarisiert. Nach 26 Jahren unter der Willkür eines Alexander Lukaschenko scheint der Umschwung hin zu einer Demokratie in diesem Moment auch für das Kinopublikum greifbar. Doch wie wir inzwischen wissen, ist die politische Lage bis heute nicht zugunsten der Demonstranten gekippt. Warum das so ist, darüber können auch die Protagonisten dieses Films nur spekulieren. All ihr Spekulieren, ihr Hadern und Zweifeln, das Abschütteln ihrer Zweifel und ihr Weiterkämpfen zu zeigen, ist immens wichtig.

"Courage" ist der erste lange Film von Aliaksei Paluyan. 1989 in Belarus geboren, kam er 2012 für ein Film- und Regiestudium nach Kassel. Nach mehreren Kurzspielfilmen und einem Kurzdokumentarfilm ist Paluyan für sein Langfilmdebüt in seine Heimat zurückgekehrt. Das hatte einen guten Grund: Der Regisseur kennt die drei im Film porträtierten Schauspieler nicht nur persönlich, sein Film rückt auch ein drängendes Thema wieder in den Fokus.

Verfolgten wir in Deutschland die Demonstrationen in ihren Anfängen noch gebannt vor dem Fernseher, gerieten sie irgendwann aus dem Blick. Andere tagesaktuelle Themen schienen wichtiger. Erst als Alexander Lukaschenko Ende Mai 2021 ein Passagierflugzeug in Minsk zur Landung zwang, um einen Oppositionellen und dessen Lebensgefährtin zu verhaften, erhielt die Demokratiebewegung in Belarus wieder mehr mediale Aufmerksamkeit. Ein Film wie "Courage" trägt nicht nur dazu bei, die Erinnerung an die Demonstrationen wachzuhalten, er zeigt auch Kontinuitäten aufseiten der Demonstrierenden und des Staatsapparats auf.

Paluyan wirft sein Publikum mitten ins Geschehen. Er stellt weder seine drei Protagonisten vor, noch ordnet er das im Film verwendete Archivmaterial ein. Die Zusammenhänge ergeben sich im Verlauf des Films automatisch. "Courage" zeigt: Es ist nicht das erste Mal, dass Lukaschenko mit aller Härte seine Macht erhält und gegen Gegner vorgeht, und es ist nicht das erste Mal, dass die belarussische Bevölkerung dagegen aufsteht. Der Film zeigt eine Elterngeneration, die der Generation ihrer Kinder rät, ihre Fehler nicht zu wiederholen, damit nicht auch noch ihre Enkelkinder für ihre Versäumnisse geradestehen müssen. Nicht zuletzt zeigt Paluyans Film schließlich, welche Rolle Kunst und Künstlerinnen und Künstler im Kampf für eine Demokratie einnehmen (müssen).

Fazit: Der Regisseur Aliaksei Paluyan wirft sein Publikum mitten hinein in die Demonstrationen nach den Präsidentschaftswahlen 2020 in Belarus. Gemeinsam mit den drei im Film vorgestellten Protagonisten gerät auch das Kinopublikum wiederholt an Kipppunkte, die die Frage aufwerfen, warum dieses freiheitsliebende Volk immer noch von einem Mann regiert wird, den politische Beobachter als "letzten Diktator Europas" bezeichnen. "Courage" ist ein mutiger Dokumentarfilm über mutige Menschen, deren Schicksal wir im Westen nicht aus den Augen verlieren sollten.




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