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Kritik: Anmaßung (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Chris Wright und Stefan Kolbe, beide Jahrgang 1972, lernten sich an der Filmhochschule Konrad Wolf Potsdam-Babelsberg kennen. Seither drehen sie gemeinsam Dokumentarfilme. Ihr Markenzeichen ist eine große Nähe zu den Protagonisten, was den Filmemachern wiederholt den Vorwurf mangelnder Objektivität eingebracht hat. In ihrem jüngsten Film wenden sich Wright und Kolbe von dieser Herangehensweise ab. "Anmaßung" ist mehrfach gebrochen und baut dadurch Distanz auf.

Diese Brüche sind nötig, weil sich Wrights und Kolbes Protagonist, der Frauenmörder Stefan S., nicht filmen lassen will. Das zwingt die Regisseure, einen Schritt zurückzutreten und ihren Protagonisten und dessen Tat aus größerer Entfernung und im Dialog mit anderen zu betrachten. "Anmaßung" ist nicht nur ein Film mit einem Frauenmörder im Zentrum, sondern vor allem einer über einen. Oder wie es die Regisseure vorweg formulieren: "Das ist kein Film über Stefan. Das ist ein Film darüber, wie wir uns ein Bild von ihm machen."

Dieses Bild setzt sich aus mehreren Versatzstücken zusammen: aus den Gesprächen, die die Regisseure mit Stefan geführt haben und die auf verschiedenste Weise Eingang in den Film finden; aus dem Nacherzählen von Stefans Kindheit und beruflichem Werdegang bis zur Tat, das dem Publikum zu Aufnahmen von Lebensstationen aus dem Off präsentiert wird; aus Gesprächen mit einem Therapeuten; aus dem Puppenspiel und Gesprächen mit den zwei Puppenspielerinnen und aus den Gerichtsakten, die eine andere Sprache sprechen als Stefans Version des Tathergangs.

Bereits das Puppenspiel erzeugt einen Verfremdungseffekt. Die Puppe, nicht größer als ein Kleinkind und mit einem hässlichen Gesicht, lenkt die Aufmerksamkeit weg von der Person und hin zu deren Aussagen. Der multiperspektivische Ansatz, in dem auch Wright und Kolbe sich und ihre Herangehensweise immer stärker hinterfragen, je länger sie an ihrem Film arbeiten, macht deutlich, dass es auf viele drängende Fragen schlicht keine eindeutigen Antworten gibt. Ob Stefan S. therapiert ist und ob es richtig war, ihn nach 15 Jahren Haft zu entlassen, das muss sich das Publikum am Ende ebenso selbst beantworten wie die zwei Regisseure, ob sie diesen Film noch einmal (so) drehen würden. Das Ergebnis kann sich zumindest sehen lassen.

Fazit: Wie sehr kann man in einen anderen Menschen hineinsehen? Ist das überhaupt möglich oder ist jeder Versuch, eine unerklärliche Tat zu erklären, nicht auch immer eine Anmaßung? Dieser Grundfrage gehen die Dokumentarfilmer Chris Wright und Stefan Kolbe in ihrem neuen Film nach, für den sie einen Frauenmörder vier Jahre lang begleitet haben. Wright und Kolbe nähern sich ihrem Protagonisten, dessen Tat und den damit verbundenen Fragen multiperspektivisch und mehrfach gebrochen. Ein gelungenes Experiment.




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