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Kritik: Home (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Ein bedrohlich stampfender Trommelrhythmus begleitet Marvins Heimfahrt auf dem Skateboard. Der tätowierte, muskulöse Mann mit dem orangerot gefärbten Haarschopf wirkt explosiv. Seine geballte Kraft könnte sich womöglich bald in Gewalt entladen. Aber Marvin hat seine Gefängnisstrafe wegen Mordes abgesessen, der verkrachte junge Mann von einst ist nun erwachsen. Wird ihn die Vergangenheit in seiner Heimatstadt einholen, oder ist dort für ihn ein Neuanfang möglich? In ihrem Spielfilmdebüt als Regisseurin wandelt die deutsche Schauspielerin Franka Potente, die auch das Drehbuch schrieb, auf uramerikanischen Pfaden. Ihre traditionelle Geschichte eines Außenseiters, der seinen Weg sucht, indem er sich seiner Wurzeln besinnt, schlägt in einer schwierigen Gegenwart auf. Marvins heimisches Milieu ist gezeichnet vom Niedergang der Provinz, von Drogen, Gewalt, Arbeitslosigkeit.

Die Freude und das Leid, das in Marvins Familie vor seiner Tat herrschte, werden nur sparsam, tröpfchenweise offenbart. Mutter Bernadette soll eine fröhliche Frau gewesen sein, aber Marvins Bruder nahm sich das Leben. Es dauert eine Weile, bis die Mutter und der heimgekehrte Sohn miteinander warm werden. Kathy Bates, der Star des Films, spielt die kranke Frau hervorragend, mit ihrer aufblitzenden Wut, ihrem Groll und den gelösten, humorvollen Momenten. Auch der Hauptdarsteller Jake McLaughlin überzeugt als zurückhaltender Charakter, der sich bewähren will. Die junge Delta, die Marvin gefällt, wird als starke Frau porträtiert, die ihren betrunkenen Bruder in Schach hält, aber ihren Job im Krankenhaus dazu benutzt, Medikamente zu stehlen und an Drogenabhängige zu verkaufen. Gut und schlecht liegen eng beieinander in diesem Milieu, kaum jemand scheint im täglichen Überlebenskampf makellos und unbeschädigt zu bleiben.

Lange behält das geradlinig erzählte Drama seine Spannung. Steuert all das Unaussprechliche, Unausgesprochene auf den großen emotionalen Durchbruch zu? Potente setzt stark auf die Kraft der Versöhnung und behandelt ihre Charaktere dabei ein wenig nachlässig. Sie müssen sich ins Handlungskorsett fügen, ob sie nun Menschen aus Fleisch und Blut ähneln, oder manchmal skizzenhaft bleiben. Bei diesem Abspielen von Ereignissen und Stationen neigt der Film dazu, die Dinge wie ein gut gemeintes Lehrstück zu vereinfachen. Trotz solcher Tendenzen bleibt Potentes erste Spielfilm-Regiearbeit sehenswert, weil sie reizvoll und im Kern stimmig erscheint.

Fazit: Kann ein Mörder nach verbüßter Haftstrafe in seiner kleinen Heimatstadt wieder Fuß fassen? Regisseurin und Drehbuchautorin Franka Potente siedelt ihr spannendes Spielfilmdebüt in Amerika an und präsentiert ein soziales Umfeld, das schwer von wirtschaftlichem Niedergang, Drogen und Gewalt gezeichnet ist. Aber der Keim des Guten besitzt noch Kraft in den Charakteren. Mit einer hervorragenden Kathy Bates in der Rolle der Mutter und der auch sonst guten Besetzung kann das geradlinige Drama im Wesentlichen überzeugen.




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