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Brother's Keeper
Brother's Keeper
© Wolf Berlin

Kritik: Brother's Keeper (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Türkei ist nicht nur ein großes Land, sondern mit ihren mehr als 80 Millionen Einwohnern auch ein riesiger Markt für Film- und Fernsehproduktionen. In Deutschland kommt davon nur ein Bruchteil an. Abseits der Kassenschlager, die in den deutschen Kinos oft nur ohne Untertitel laufen, von denen bei diversen Streaminganbietern inzwischen aber auch viele mit Untertiteln zu sehen sind, bieten Festivals auch all jenen türkischen Filmen eine Plattform, die sich abseits des Mainstream bewegen.

Ferit Karahans dritter abendfüllender Spielfilm zählt dazu. Er läuft in der Sektion "Panorama" der 71. Berlinale, die aufgrund der Coronapandemie in diesem Jahr zweigeteilt über die Bühne geht. Den FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritiker- und Filmjournalisten-Vereinigung hat "Brother's Keeper" bereits erhalten. Warum Karahans kammerspielartiges Drama über ein Internat in Ostanatolien den Preis verdient hat, davon kann sich jetzt endlich auch ein breites Publikum überzeugen.

Karahan wirft sein Publikum mitten ins Geschehen. Sein Kameramann Türksoy Gölebeyi folgt dem vom Laien Samet Yıldız wunderbar gespielten 12-jährigen Yusuf auf dessen Weg durch die Flure des Internats. Es ist eng, voll und laut und Gölebeyis Arbeitsgerät ist dicht dran. Yusuf kommt kaum zur Ruhe. Und Samet Yıldız' Blick sagt mehr als tausend Worte. Das schmale Filmformat verstärkt die beklemmende Stimmung. In dieser Schule herrscht ein Klima der Angst. Bevor einer etwas Falsches sagt, sagt er lieber überhaupt nichts.

Karahan besuchte als Schüler selbst sechs Jahre lang ein Internat. In seinem Film, den er gemeinsam mit seiner Ehefrau Gülistan Acet geschrieben hat, inszeniert er die Lehranstalt wie ein Gefängnis: mit Appellen auf dem Pausenhof, Leibesvisitationen durch das Lehrpersonal und öffentlichkeitswirksamen Degradierungen. In dieser Schule gehen die Lehrer noch mit dem Rohrstock in der Hand in ihren Unterricht. Und Schüler, die als verlängerter Arm des Lehrkörpers zur Aufsicht eingesetzt werden, geben die Gewalt direkt weiter.

Durch den einsetzenden Schnee verstärkt sich die Zuchthausatmosphäre, denn nun ist die Schule von der Außenwelt abgeschnitten. Gepaart mit dem Unterrichtsstoff hat diese Einrichtung auch etwas von einem Umerziehungslager. Denn den kurdischen Jungen wird ihre kurdische Identität abgesprochen. Im Gebet vor dem Mittagessen werden die Türkei und die Größe Allahs gepriesen. Staat und Gott sind hier eine Einheit. Auf Atatürks Büste vor dem Schulgebäude rieselt derweil leise der Schnee.

In seinen besten Momenten wird dieses kammerspielartige Drama zum absurden Theater. Dann steigt der Schuldirektor auf einen Stuhl, um besseren Handyempfang zu bekommen, und macht sich, ohne es zu merken, zum Hanswurst. Dann wird gebetsmühlenartig wiederholt, dass der kranke Schüler Memo doch gar kein Fieber habe. Dann rutschen die Lehrer in schöner Regelmäßigkeit auf dem schneenassen Fußboden der Krankenstation aus. Und dann müssen sie sich eingestehen, dass sie den hier einheimischen Kurden, über die sie so gern abfällig reden, vielleicht doch nicht überlegen sind. Das ist ebenso klug wie witzig geschrieben. Und am Ende hält Karahans und Acets Drehbuch noch eine bewegende Wendung bereit.

Fazit: Ferit Karahans Drama, das seine Deutschlandpremiere im Rahmen des Summer Special der 71. Berlinale feiert, wirft einen ungeschönten Blick in das Leben eines Internats. Mit jungen Laien und erwachsenen Profis gedreht, klug geschrieben und atmosphärisch dicht inszeniert, bietet "Brother's Keeper" einfühlsames, bewegendes und kritisches Kino. Ein politischer Film, der seine Botschaft zwischen den Zeilen vermittelt und nicht plakativ vor sich herträgt.




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