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FBW-Bewertung: Mitgefühl (2021)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Louise Detlefsens Dokumentarfilm MITGEFÜHL gibt Einblicke in den Betrieb eines Pflegeheims für Demenzerkrankte in Dänemark, dessen besonderes Konzept darin besteht, in erster Linie für bestmögliche Lebensqualität der dementen Bewohner*innen zu sorgen. Und so wird die Vergabe von Sedativa, Psychopharmaka und Demenzmedikation ersetztdurch Zuwendung, Ansprache und Körperkontakt sowie durch Förderung von Teilhabe und Genuss. Die persönlichen Bedürfnisse und das Recht auf Selbstbestimmung stehen im Mittelpunkt des Pflegeansatzes, der ? so zeigt es der Film ? einerseits viel Zeit und Aufwand bedeutet, aber andererseits zubemerkenswerten Resultaten führt.

Die Regisseurin wählt für die Umsetzung Techniken des Direct Cinemas, verzichtet etwa auf Interviews und Erklärungen und kommt den Protagonist*innen ? trotz extremer Zurückhaltung beim Einsatz des filmischen Apparats ? durch genaue Beobachtungen sehr nah. In einem Moment brechen die Filmschaffenden ganz bewusst ihren Stil und schneiden kurze Passagen Found Footage in den Film, altes Filmmaterial mit einer Heimbewohnerin, deren Lebenskraft augenscheinlich zu Ende geht. Diese Konfrontation mit ihrem jüngeren Alter Ego vermag ganz unvermittelt tiefe Reflexionsräume über das Leben zu eröffnen und zeugtvom äußerst gelungenen und wirkungsvollen Einsatz der filmischen Mittel. Bemerkenswert dabei bleibt in erster Linie, dass bei aller Intimität einzelner Momente der Film niemals die respektvolle Ebene seinen Protagonist*innen gegenüber aufgibt.

MITGEFÜHL empfindet die Jury als Film mit hoher Relevanz für alle Publikumsschichten, da er uns auf nachdrückliche, aber nicht aufdringliche Weise dazu bewegt, über den Umgang unserer Gesellschaft mit Krankheit, mit Alter und mit dem Wert des Lebens an sich nachzudenken. Darüber hinaus gelingt es demFilm, die Aufmerksamkeit auf die eigentliche Komplexität des Altenpflegeberufs zu lenken. Die ganzheitlich ausgerichteten Teambesprechungen über Umgang und Behandlung der einzelnen Bewohner*innen zeugen von bemerkenswerter Vielschichtigkeit des Berufs sowie großer Verantwortung und Selbstbewusstsein der Pflegenden ? Attribute, die in der Routine der konventionellen Altenpflege deutlich in den Hintergrund geraten können.



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