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Kritik: Censor (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Nach einigen Kurzfilmen legt die 39-jährige Britin Prano Bailey-Bond mit "Censor" ihren ersten Langfilm vor. Weltpremiere feierte die Hommage an den 80er-Jahre-Horrorfilm Anfang 2021 beim Sundance Filmfest. Bailey-Bond schrieb auch das Drehbuch. Für Furore sorgte die Produktion auch bei der diesjährigen Berlinale, auf der "Censor" für den Panorama-Publikumspreis nominiert war.

Bailey-Bond vermengt in "Censor" auf stylische, atmosphärische Weise Horror, Psychothriller, Mystery und Hommage. Wobei ein klarer Schwerpunkt auf der Hommage liegt. Zum einen verneigt sich die talentierte Regisseurin durch die Filme, die ihre Hauptfigur sichten und schneiden muss, vor der Videofilm- und Home-Entertainment-Ära sowie Horrorfilm-Ästhetik der 80er-Jahre. Enid muss sich Unmengen an zum Teil schockierend brutalen, blutigen Gore-Werken und kontrastreiche, grobkörnige Aufnahmen ansehen – ein klarer Verweis auf die den Markt überschwemmende Masse der Gore- und Billig-Horrorfilme.

Mit Liebe zum Detail bekommt auch der Zuschauer immer wieder flackernde, grelle Ausschnitte und knisternde Bilder aus Werken jener Zeit zu Gesicht. Für Nerds und 80er-Horror-Fans ein Fest. Und auch mit dem Produktionsdesign und Setting huldigt Bailey-Bond jener Ära, als die Menschen immer seltener ins Kino gingen und sich stattdessen die Filme auf Video in den eigenen Vier Wänden ansahen. Wir sehen schäbige Eckvideotheken, mit ihren verkrusteten, verdreckten Regalen und besonders "verdorbenen" Tabutiteln, die unter der Ladentheke versteckt werden. Oder kleine, dunkle Programmkinos, in denen man sich trashige Billigfilme ansehen kann.

Aber "Censor" verweist genauso auf den echten, wahren Kulturkrieg im Großbritannien der mittleren 80er-Jahre, als die Auflagen der Zensur und Behörden immer schärfer wurden – und der Druck auf die ohnehin psychisch oft nicht gerade gefestigten Zensoren stieg, jede noch so anzügliche, amoralische Szene aus den Filmen zu entfernen. Für den Schutz der britischen Kinder und Jugend, so lautete die Argumentation. Auf all dies spielt "Censor" mal subtil, mal überdeutlich an. Und oft auch mit Humor und Ironie. Stimmig und passend verwebt Bailey-Bond ihren Inszenierungsstil und die Ästhetik mit der Handlung um Enids verschollene Schwester. Immer tiefer wird die Hauptfigur in einen Strudel aus irrationalen Ausbrüchen, rätselhaften Andeutungen und mysteriösen Ereignissen gesogen.

Fazit: Mit greller Beleuchtung und beklemmend-unheilvoller Atmosphäre huldigt "Censor" der 35-mm-analog-Ära und dem Home-Video-Boom der mittleren 80er. Der stylische, spannende Film steckt voller Details und liebevoller Andeutungen auf Low-Budget-Horror-, Gore- und Trash-Produktionen jener Tage. Darüber vergisst der Film aber nie seine Haupthandlug und erzählt vom wendungsreichen, zermürbenden Kampf einer psychisch labilen Frau um die Wahrheit.




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