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Das Mädchen und die Spinne
Das Mädchen und die Spinne
© Salzgeber & Co. Medien GmbH

Kritik: Das Mädchen und die Spinne (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die Schweizer Zwillingsbrüder Ramon und Silvan Zürcher ließen sich zu ihrem zweiten Spielfilm von einer eigenen Erfahrung inspirieren. Sie lebten ein paar Jahre zusammen in Berlin und als diese WG endete, berührte sie das Thema Trennung und Vergänglichkeit. Was ihre Filmheldinnen Mara und Lisa empfinden, als die eine auszieht und damit in gewisser Weise auch ein gemeinsamer Lebensabschnitt endet, kommt jungen Menschen, die mal hier, mal da wohnen, sicherlich bekannt vor. Gerade in der Situation des Aufbruchs, der auch mit Verunsicherung einhergeht, kann sich paradoxerweise ein Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit aus dem Hinterstübchen melden. Ramon und Silvan Zürcher betrachten diesen Film als den zweiten Teil einer Trilogie über menschliches Zusammensein, die mit ihrem Erstling "Das merkwürdige Kätzchen" von 2013 begann.

Statt einer Handlung im engeren Sinn erwartet einen ein kreativ-kontemplativer Film mit Versuchscharakter. Einerseits können sich die Charaktere nirgends niederlassen, die Gespräche nicht vertiefen. Es wird gepackt, geschleppt, ausgepackt, eingeräumt, gefeiert. Nachbar*innen kommen und gehen, Kinder schauen vorbei, zwei Hunde und eine Katze sind ebenfalls zugegen und auch die eine oder andere Spinne. Andererseits sind die Dialoge sehr romantisch. Denn Mara und andere teilen ihre kleinen Erinnerungen und Einfälle, über die sie sich selbst ein wenig zu wundern scheinen, auf poetisch-tastende Weise mit. Manchmal gibt es sogar kleine Fenster in die Traum- und Fantasiewelt, aber wo genau der Übergang zwischen realem und fantasiertem Geschehen ist, lässt sich nicht immer sagen. Denn dafür sind die Charaktere, allen voran die sehr in sich gekehrte Mara oder auch die mal kühl, mal zugewandt wirkende Astrid, zu eigenwillig.

Henriette Confurius spielt Mara sehr intensiv in ihrer Wehmut und Verwirrung. Die Sehnsucht, die auch andere um sie herum spüren, lädt sich erotisch auf. Aber wer begehrt, wird nicht unbedingt mit offenen Armen angenommen. Es kommt zu diversen, probeweisen Bäumchen-wechsel-dich-Spielen. Ein einfacher Umzug kann zu philosophischen Erkenntnissen über die grundlegende Einsamkeit des Menschen führen. Dazu erklingt ein Walzer und, mal instrumentell von Astrid am Klavier gespielt, mal von Desireless interpretiert, der Popsong "Voyage, Voyage", in dem sich die filmische Atmosphäre der Vergänglichkeit so treffend wiederfindet.

Fazit: Der Spielfilm der Schweizer Brüder Ramon und Silvan Zürcher vertieft sich während einer Umzugssituation in die Gefühle, welche die Anwesenden befallen und in einem Reigen von Anziehung und Ablehnung vereinen. Henriette Confurius spielt die Verunsicherung und die stille Empfindsamkeit der jungen Hauptfigur, die sich von ihrer wegziehenden Mitbewohnerin zurückgelassen fühlt, intensiv und fesselnd. Die poetischen, romantischen Dialoge kreisen um Einsamkeit und Sehnsucht. Aber zwischen Tür und Angel kann sich niemand gegen die Atmosphäre der Vergänglichkeit stemmen.




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