oder
Grenzland
Grenzland
© barnsteiner-film © missingFilms

Kritik: Grenzland (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Regisseur Andreas Voigt, 1953 in Eisleben geboren und in Dessau aufgewachsen, kehrt in seinen Dokumentarfilmen immer wieder zum Leben in Ostdeutschland und in Osteuropa vor und nach der Wende zurück. Sein jüngster Film bedeutet nun eine direkte Rückkehr zu einem früheren Film. Vor beinahe 30 Jahren drehte Voigt den Film "Grenzland – Eine Reise" (1992), der die Menschen entlang der deutsch-polnischen Grenze drei Jahre nach dem Mauerfall in den Blick nahm. "Grenzland" sieht sich dort erneut um und erforscht, was aus dem Grenzgebiet und den Menschen geworden ist.

Voigts Affinität für Polen ist hoch. Nach seinem Abitur in Halle hat er in Krakau Physik studiert und die Sprache gelernt. Seine aus dem Off gestellten Fragen in "Grenzland" formuliert er je nach Adressat mal auf Deutsch, mal auf Polnisch. "Polen war das pluralistischste Land des Ostblocks", erinnert sich Voigt in einem Interview. "Die Polen haben aufgrund ihrer Geschichte in den USA, Frankreich oder Italien überall Verwandte, Familie." Ein Fakt, der 30 Jahre nach der Wende in einem Europa offener Grenzen noch stärker zum Tragen kommt. Während die älteren Generationen die Erinnerung an eine Fluchterfahrung verbindet, sind viele aus der jüngeren Generation auf dem Sprung. Sie studieren und arbeiten im Ausland. Was sie eint, ist ein Gefühl der Freiheit.

Voigt lässt den Menschen, die er trifft, viel Raum. Ein kurzer Kommentar ordnet seinen Film ein, danach macht sich der Regisseur nur noch als behutsamer Fragesteller aus dem Off bemerkbar. In den Gesprächen kristallisieren sich zwei verschiedene Wanderbewegungen heraus, die mit der europäischen Geschichte und Politik, mit Grenzen, Kriegen und Frieden zu tun haben. Voigt trifft auf Menschen, deren Vorfahren ihre Heimat verlassen mussten und in Häuser anderer Menschen gezogen sind, die ihre Heimat bereits verlassen hatten. Er trifft auf Menschen, die ihre Heimat gern verlassen hätten, es aber nicht durften. Und er trifft auf Menschen, die freiwillig an einen anderen Ort gezogen sind, um dort eine neue Heimat zu finden.

Dabei spart Voigts Film all die Widersprüche nicht aus. Er zeigt Weltenbummler, die an ein grenzenloses Europa glauben, und Alteingesessene, die den Nationalstaat hochhalten. Er zeigt die gesellschaftliche Bereicherung, die von Geflüchteten ausgehen kann und den Hass, der ihnen von Teilen der Gesellschaft entgegenschlägt. All das präsentiert "Grenzland" völlig unaufgeregt, denn diese Menschen und ihre Ansichten existieren nebeneinander. Das große Pfund, mit dem Voigt wuchern kann, sind die teils außergewöhnlichen Geschichten. Da wird schon mal ein Haus bei eBay Kleinanzeigen gekauft oder Deutsch auf dem Friedhof gelernt. Ein Dokumentarfilm so skurril wie das Leben.

Fazit: "Grenzland" erkundet das Gebiet zwischen Deutschland und Polen und die Menschen, die es bewohnen. Ohne zu kommentieren oder zu werten zeigt Regisseur Andreas Voigt die Unterschiede und Gemeinsamkeiten auf. Trotz aller Schwierigkeiten und Probleme verdeutlicht "Grenzland" letztlich, dass die Menschen im Grenzgebiet mehr verbindet als sie voneinander trennt.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.