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Erdmännchen und Mondrakete
Erdmännchen und Mondrakete
© barnsteiner-film

Kritik: Erdmännchen und Mondrakete (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Neben vielen anderen Dingen ist das Schöne am Kindsein die Fantasie. Aus den simpelsten Gegenständen und Spielsituationen erwachsen in der kindlichen Vorstellungskraft ganze Welten. Viele Kinderfilme übersetzen die Fantasie ins Fantastische, und oft zählen diese Filme zu den besten ihres Fachs. Auch in "Erdmännchen und Mondrakete" geht es um den Unterschied und Übergang zwischen der realen und der eingebildeten Welt. Die 13-jährige Protagonistin Gideonette de la Rey (Anchen du Plessis) hat eine so lebhafte Fantasie, dass ein Familienfluch das Mädchen als Wirklichkeit gewordenes Untier heimsucht. Nur im Spiel mit einem anderen Kind, dem kleinen Bhubesi (Thembalethu Ntuli), und dessen Fantasie lernt Gideonette ihre Angst zu überwinden.

"Erdmännchen und Mondrakete" ist Hanneke Schuttes zweiter abendfüllender Spielfilm und mehrfach ausgezeichnet. Beim Schlingel, dem internationalen Filmfestival für Kinder und junges Publikum in Chemnitz, erhielt "Meerkat Maantuig", so der Originaltitel, 2018 sowohl den Preis der FIPRESCI-Jury als auch den Hauptpreis der Sächsischen Landesmedienanstalt. Die Auszeichnungen sind nachvollziehbar, denn die Regisseurin und Drehbuchautorin packt in ihren Film nicht nur den Übergang vom Kindsein zum Erwachsenwerden, sondern auch Themen wie Tod und Trauer und den Umgang damit. Und trotzdem ist Schuttes Mischung aus Kinder- und Coming-of-Age-Film nicht frei von Schwächen.

In ihrem Drehbuch, das von Riana Scheepers' Roman "Blinde Sambok" inspiriert ist, nimmt sich Hanneke Schutte zunächst viel Zeit für ihre Figuren. Ihre Hauptfigur und deren Familie führt sie behutsam ein. Und dank der stimmungsvoll ausgeleuchteten Bilder des Kameramanns Willie Nel, der später im Film inmitten der Natur zur Höchstform aufläuft, sieht das alles wunderschön aus. Auch die dem Horror- und Fantasygenre entlehnten Elemente baut die Regisseurin homogen und altersgerecht ein. Doch die Magie der Bilder und der fantastisch angehauchten Story will nicht so recht aufs Publikum überspringen.

Das liegt in erster Linie an den erzählerischen Versäumnissen des zweiten und dritten Akts. Hier herrscht ein Ungleichgewicht der Erzähltempi. Während der ominöse Familienfluch zigmal angesprochen, aber viel zu lange, bis zu einem Punkt, der jeglicher Logik entbehrt, nicht aufgelöst wird, wird die Freundschaft zwischen Gideonette und Bhubesi viel zu hastig abgehandelt, um sich tatsächlich echt anfühlen zu können. Hier hätten konkrete Szenen voll gemeinsam erlebter Abenteuer gutgetan, anstatt das Anfreunden der beiden Kinder durch ein paar Montagesequenzen und hübsche, aber einfallslose, weil schon tausendfach verwendete Bilder lediglich zu illustrieren. Gerade dem Spiel zwischen Bhubesi und Gideonette fehlt es an Fantasie. Was hätte man allein mit der mühsam zusammengeschraubten Mondrakete alles anstellen können! So sieht sie zwar toll aus, steht aber letzten Endes nur dekorativ in der Landschaft herum.

Fazit: Hanneke Schuttes zweiter abendfüllender Spielfilm nimmt sich viel vor. Er erzählt vom Erwachsenwerden, von Freundschaft, Trauer und Tod. Die Chemie zwischen den jungen Darstellern stimmt. Leider nimmt sich die Handlung zu wenig Zeit, um die Freundschaft der beiden glaubhaft zu vermitteln. Am Ende ergeht es dem gesamten Film ein wenig wie der titelgebenden Mondrakete: Er sieht toll aus, hätte aber deutlich mehr aus sich machen können.




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