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Kritik: Hinterland (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Der 39-jährige Murathan Muslu zählt zu den gefragtesten österreichischen Schauspielern. Seit 2013 ist er regelmäßig im Wiener Tatort zu sehen und geht vor einem Millionenpublikum auf Mördersuche. In internationalen Großproduktionen war er auch schon im Kino zu sehen, darunter in dem Drama "7500" mit Joseph Gordon-Levitt. "Hinterland" entstand im Herbst 2019 an nur 24 Drehtagen in Österreich und Luxemburg.

"Hinterland" folgt einem Mann durch das trostlose, düstere Wien der frühen 20er-Jahren, der nach dem Krieg alles verloren hat: den Job, seine seelische Gesundheit, Familie (Frau und Kind flohen aufs Land) und das Vertrauen in die Menschen. Murathan Muslu spielt diesen gebrochenen, sich verloren fühlenden Mann mit enormer Präsenz, Verletzlichkeit und beachtlicher Glaubwürdigkeit.

Seine widersprüchliche, chaotische und vor allem zerbrechliche Gefühlswelt spiegelt sich in der ihn umgebenden Welt: in den Kulissen und Sets. Hier baut Regisseur Stefan Ruzowitzky ("Die Fälscher") fast ausschließlich auf digitale Effekte sowie verzerrte CGI-Szenerien bzw. -Hintergründe. Die Innenwelt des Protagonisten kulminiert mit der Außenwelt der unheilvollen Weltstadt im aufbrechenden Jahrzehnt, in der Futuristen, Überlebenskünstler, Kriegsversehrte, Pazifisten und vor allem Nationalisten aufeinandertreffen. Subtile Anspielungen auf die langsam erstarkenden antidemokratischen Kräfte gibt es zuhauf. Und sogar auf Hitler.

Bei der Optik und der Bildsprache ließ sich Ruzowitzky ganz vom Expressionismus beeinflussen. Dieser steht in der Kunst nicht zuletzt für unkontrollierte und -kontrollierbare Emotionen sowie das Gefühl des Verloren seins und der Anonymität in der Großstadt. Eine passendere (visuelle) Entsprechung hätte Ruzowitzky nicht wählen können.

Manch ein Zuschauer mag sich vielleicht an der Künstlichkeit der technischen Umsetzung und Kulissenwelt stören, doch macht ebendies gleichermaßen den wohl größten Reiz dieser Melange aus Kriegsdrama, Serienmörder-Krimi und Historienfilm aus. Auch der bedrückenden Stimmung kann man sich kaum entziehen. Diese lässt sich in den Gesichtern der Menschen ablesen. Sie sind hoffnungslos und desillusioniert, der Krieg hat tiefe Wunden in den Seelen oder Körpern (oder beides) hinterlassen. Ergänzt wird all dies durch einen spannenden, mitreißenden Mordfall, in dem die Zahl "19" eine besondere Bedeutung zu spielen scheint.

Fazit: Optisch eigenwilliger, von einer schauerlich-unbehaglichen Atmosphäre durchzogener Film, der von seiner dramaturgischen Originalität und den brillanten Darstellern lebt.




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