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Zorn der Bestien - Jallikattu
Zorn der Bestien - Jallikattu
© Drop-Out Cinema eG

Kritik: Zorn der Bestien - Jallikattu (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Kino ist mehr als nur die bewegten Bilder, die in seinem Namen stecken. Manchmal besteht die Kunst der Kinematografie aber auch einfach nur in purer Bewegung. Vor allem der Actionfilm setzt auf die Kraft der Kinetik. Doch nur in den wenigsten Fällen ist die Bewegung so spürbar, so am eigenen Leib erfahrbar wie in "Zorn der Bestien".

Die Handlung ist simpel und im Grunde nicht der Rede wert. Irgendwo im indischen Bundesstaat Kerala, in dem Malayalam gesprochen wird, entkommt ein Bulle seinem Schlachter und verwüstet alles, was ihm in die Quere kommt. Das ganze Dorf ist auf den Beinen, und alle Männer sind auf Hetzjagd. Die Drehbuchautoren R. Jayakumar und Hareesh S., auf dessen Kurzgeschichte "Maoist" der Film basiert, schaffen es jedoch, zwischen diese einfache Ausgangslage jede Menge Schichten zu packen. Es geht um das Verhältnis von Männern und Frauen, von Reich und Arm und von Alt und Jung. Zwei Männer fechten ihre Privatfehde aus, deren Ursprung Regisseur Lijo Jose Pellissery in nicht minder energiegeladenen Rückblenden einschiebt. Die Jagd auf den Bullen ist auch ein Geschlechter-, ein Kassen- und ein Generationenkampf.

Das wahre Highlight ist die Inszenierung. Schon die Einführung ins Dorfleben ist ungemein dynamisch, weil der Cutter Deepu Joseph die von Kameramann Girish Gangadharan eingefangenen Bilder perfekt auf den Sound und auf Prashant Pillais Musik abgestimmt zu einem audiovisuellen Stakkato montiert. Dieser Film kommt kaum einmal zur Ruhe, ist fast immer in Bewegung. Und dann bewegt sich nicht nur Gangadharans Kamera, sondern auch die Personen davor, die sich in Gruppen ansammeln, was dem Geschehen noch mehr Dynamik verleiht, weil es den Eindruck erweckt, als schwappten Menschenwellen durch die engen Dorfstraßen.

Pellisserys Film sieht nicht nur fantastisch aus, seine Regie ist auch voller origineller Einfälle. Die Jäger treiben den Bullen durch dicht und hoch bewachsene Felder, über eine Hängebrücke und in einen Brunnen hinein, was zu kuriosen Anblicken führt, die so noch nie im Kino zu sehen waren. Bei Pellissery verströmen selbst Taschenlampen eine beängstigende Stimmung, weil sie als flackerndes Lichtermeer die Hügel herabkommen. Am Ende kulminiert der Film in einer Gewaltspirale, die sich zu einem Menschenhaufen aus Fleisch, Dreck und Blut auftürmt. Unglaubliche, kaum begreifbare Bilder!

Fazit: "Zorn der Bestien", der als Indiens Beitrag ins Rennen um den Oscar ging, ist ein atemloser Actionfilm der etwas anderen Art. Es geht nicht um Verbrechen, um muskelbepackte Helden und dicke Knarren, sondern um den Kampf zwischen Mensch und Tier. Regisseur Lijo Jose Pellissery macht daraus ein immersives Kinoerlebnis. Sein Film ist pure Bewegung und ringt dem Genre einige Bilder ab, die so noch nicht zu sehen waren.




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