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Schocken - Ein deutsches Leben
Schocken - Ein deutsches Leben
© Salzgeber & Co. Medien GmbH

Kritik: Schocken - Ein deutsches Leben (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Schocken" zeichnet sich durch präzise Recherche und Darstellung aus: Nicht nur ergänzen viele Archivaufnahmen und Videos das Erzählte, auch Zeitgenossen, Bekannte, Verwandte kommen (in Rückblenden oder in Interviews) zu Wort. Salman Schocken erscheint als bemerkenswerter Mann, der es trotz alles andere als vorteilhafter Startbedingungen zu Wohlstand und Einfluss brachte, diese aber nicht zum Selbstzweck werden ließ, sondern in erster Linier versuchte, damit "Gutes" zu bewirken. Triebfedern waren sein unstillbarer Wissensdurst und seine Liebe zu Kultur und Qualität, wie einer seiner Enkel erläutert. Doch auch "distanziert" und "unnahbar" sei er gewesen, weil er stets mit seiner Arbeit beschäftigt war - und trotzdem kein kühler Egoist, sondern auch immer das Wohlergehen seiner Familie im Blick habend.

"Schocken" erzählt, wie der Untertitel nahelegt, von einem "deutschen Leben", das so zu Beginn des 20. Jahrhunderts durchaus möglich und üblich war: Salman kam zwar als "ungebildeter Ostjude" nach Berlin und wurde von den etablierten, großbürgerlichen Deutschjuden der Zeit skeptisch bis abschätzig betrachtet, erarbeitete sich aber innerhalb kurzer Zeit Ansehen durch seine unternehmerlischen und philanthropischen Tätigkeiten. Und das nicht nur unter der "Elite", sondern auch bei den "einfachen Arbeitern", die er mit seinen Projekten in erster Linie in den Fokus nahm. Nicht nur wollte er Qualitätsware für jedermann zugänglich und erschwinglich machen, sondern auch Kleidung, Möbel und später Literatur. Trotz allem bleibt die Figur, die sich aus dem filmischen Porträt schält, ein Enigma, und so mag es auch nicht wenigen von Schockens Zeitgenossen gegangen sein.

Neben der Darstellung eines einzigartigen Charakters zeichnet sich der Film als historisches Dokument aus, das eine vergangene Epoche wiederauferstehen lässt, aber auch erahnen lässt, wie sich die Zeit nach dem 1. und vor dem 2. Weltkrieg für jüdische Bürger Deutschlands angefühlt haben muss: Gezeigt werden die Auswüchse eines wachsenden Antisemitismus, die auch vor Salman Schockens Imperium, seinem Lebenswerk, nicht Halt machten. Insofern ist "Schocken - Ein deutsches Leben" nicht nur für historisch interessierte Zuschauer sehenswert, sondern auch als Schul- und Schulungsfilm äußerst wertvoll, da er die Konsequenzen der NS-Herrschaft in Deutschland plastisch abbildet.

Fazit: Ein solide gestalteter und gut recherchierter Dokumentarfilm, der eine große, deutsche Karriere in den Blick nimmt, von der man als durchschnittlich geschichtsinteressierter Zuschauer bisher mitunter wenig wusste. "Schocken" ist nicht nur Porträt einer überragenden Persönlichkeit, sondern auch einer Zeit, die in vielen Belangen sowohl Vorbild, als auch Warnung für die Gegenwart sein kann.




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