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Geschlechterkrise
Geschlechterkrise
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Kritik: Geschlechterkrise (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Seit seinem temporeichen Langfilmdebüt "Voll Paula!" (2015) hat der 1979 in Marburg geborene Malte Wirtz eine ganze Reihe von Low-Budget-Werken im Eigenverleih herausgebracht, die immer wieder seine große Experimentierfreude demonstrieren. In seiner neuen Arbeit "Geschlechterkrise" variiert er die biblische Erzählung um Simson und Delila, die auch schon als Vorlage für die Hollywood-Produktion "Samson und Delilah" (1949) von Cecil B. de Mille diente. Wirtz schildert die Geschichte als modernen Stummfilm, mit einer stilechten musikalischen Untermalung von Wilhelm Friedmann.

Die Macht seines Protagonisten Simson, für die er von seinem Umfeld geliebt wird, zeigt der Film, indem der junge Mann in Anzug und Krawatte die Rolltreppe zur U-Bahn gegen die Fahrtrichtung hochläuft. Schön ist, wie die Konkurrenz um seine Gunst eingefangen wird: Als Simson in der Innenstadt einem Paar begegnet, kommt es zum Streit zwischen dem Mann und der Frau, da beide Simsons volle Aufmerksamkeit für sich beanspruchen. Die Kamera umkreist die drei Figuren, während der Konflikt in einer Tiefgarage zu eskalieren droht, bis sich Simson der Auseinandersetzung schließlich entzieht.

Nachdem Simsons Kraft auf die Haardiebin De übergegangen ist, gelingen "Geschlechterkrise" die eindrücklichsten Aufnahmen – was nicht zuletzt am ausdrucksstarken Gesicht der Schauspielerin Taisiya Schumacher liegt. Diese lässt mit ihrer moralisch ambivalenten Darstellung und ihrer Mischung aus Hedonismus und Melancholie an den Stummfilm-Star Louise Brooks denken. Das Haar der Femme fatale wird zum Mordwerkzeug, sie tanzt durch die Straßen und spielt mit Geschlechterrollen. Mit einem pantomimischen Duo, einer Sequenz auf einem Jahrmarkt und vielen skurrilen Gestalten, die im Laufe des Plots auftauchen, sowie mit filmsprachlichen Mitteln wie gelegentlichen Überblendungen knüpft Wirtz gekonnt an Unterhaltungstraditionen an und sorgt so für ein originelles Kinoerlebnis.

Fazit: Ein gelungenes Film-Experiment, das eine alte Geschichte und vergangene Stilmittel in unsere moderne Welt überträgt und sichtlich Spaß daran hat. Die Schauspielerin Taisiya Schumacher ist eine echte Entdeckung!




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