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Die Welt jenseits der Stille
Die Welt jenseits der Stille
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Kritik: Die Welt jenseits der Stille (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Idee hinter diesem Film ist mutig und weitsichtig. Bereits im März 2020 beschlossen der Regisseur Manuel Fenn und die Produzenten René Frotscher und Thomas Jeschner, einen Film über das Leben während der Pandemie zu drehen, zu einem Zeitpunkt, als noch niemand wusste, wie lange uns das Coronavirus beschäftigen würde. Wäre das Virus in Windeseile besiegt gewesen, wäre auch aus diesem Film nichts geworden. Eineinhalb Jahre später hat uns die Krise immer noch im Griff und die Macher dieses Films halten ein beeindruckendes Zeitzeugnis in Händen.

Um die Auswirkungen der Krise rund um den Globus festhalten zu können, war Koordination gefragt. Protagonisten und Drehteams, die diese durch den Alltag begleiten, mussten gefunden werden. Im Grunde hat dieser Dokumentarfilm viele verschiedene Regisseurinnen und Regisseure, deren unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema und an das dokumentarische Filmemachen an sich unter der Regie von Manuel Fenn unter einen Hut gebracht werden mussten. Es ist erstaunlich, wie gut das funktioniert. Es fällt kaum auf, dass in der Postproduktion "160 Stunden vollkommen diverses Rohmaterial" zu bearbeiten waren, wie es in einem Statement des Regisseurs heißt.

Zu dieser Diversität tragen nicht nur die Orte und Personen, sondern auch formale Unterschiede bei. Der Regisseur Ali Mohammed Ghasemi, der die zwei Schafhirten Mohammad Reza Enteshari und Gholam Reza Enteshari im Zentraliran begleitet hat, zeigt seine zwei Protagonisten etwa fast ausschließlich aus der Vogelperspektive. Manuel Fenn hat ihre Episoden an den Anfang und den Schluss gesetzt. Die virtuosen Kameraflüge fungieren als visuelle Klammer. Die in London lebende Regisseurin Agostina Guala, die ihren Alltag mit ihrem erst zehn Monate alten Sohn in den Blick nimmt, hat ihre Episode wiederum wie einen filmischen Brief gestaltet, den sie an ihren Sohn richtet. Zwischendurch eingestreut wirkt ihre Episode wie poetische Einsprengsel, die die unfreiwillige Abschottung der Welt durch bewusste Reflexion aufbrechen.

Der Film zeigt aber nicht nur Innenansichten. Die Kameras tauchen in die verlassenen Häuserschluchten New Yorks ab, sitzen zur Hauptverkehrszeit in einer nur spärlich besetzten Schnellbahn in Kuala Lumpur oder gehen mit einem Protagonisten durch das menschenleere Berlin joggen – und fördern so gleichermaßen atemberaubende und beängstigende Bilder zutage. Die große Stärke dieses Dokumentarfilms ist jedoch seine Konzentration auf einfache Menschen. Schwierige politische Entscheidungen kommen darin nicht vor, laufen aber freilich im Hintergrund ab und haben Auswirkungen auf das im Film Gezeigte.

Die Bandbreite ist enorm. Die Drehteams begleiten eine erzkatholische Polin, die glaubt, dass das Virus menschengemacht sei, einen gläubigen Brasilianer, der mit wissenschaftlichen Fakten unermüdlich gegen die Ausbreitung des Virus ankämpft und einen seit 20 Jahren in den USA lebenden Einwanderer, der seinen Mundschutz nur lax oder gar nicht trägt, weil auch der US-Präsident keinen anhat. Es geht um Paare, die durch die Krise getrennt werden und um welche, die sich eigentlich trennen wollten und nun zwangsweise aneinandergekettet sind. Es geht um private und berufliche Selbstständigkeiten, die schlagartig wieder in Abhängigkeiten geraten. Es geht um Einsamkeit und Zusammengehörigkeit. All dem übergeordnet ist eine Hoffnung, etwas aus dieser Krise zu lernen und nicht nur verändert, sondern auch besser daraus hervorzugehen.

Fazit: "Die Welt jenseits der Stille" ist ein mutiger, spannender und weitsichtiger Dokumentarfilm. Er zeigt die Auswirkungen, die die Coronapandemie rund um den Globus auf das Leben einfacher Menschen hat. Statt politischer Entscheidungen und medizinischer Maßnahmen rückt er die Alltagssorgen in den Vordergrund. Ein beeindruckendes Zeitzeugnis von enormer Bandbreite.




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